Weniger kurze Fehlzeiten durch die Attesthürde
Die Attesthürde soll kurze Krankmeldungen verhindern, die ohne Arztbesuch leichter fallen. Netto bleiben im Zentralfall rund 0,7 Millionen Anwesenheitstage mehr und 0,3 Millionen Tage, für die kein Lohn fließt — zusammen 2,6 Punkte, ein Bruchteil des Krankenstands. Ob der Effekt eintritt oder durch längere ärztliche Krankschreibungen ins Gegenteil kippt, bleibt die offenste Frage der Rechnung.
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Wert
Der Nutzen käme den Arbeitgebern zugute: Sie zahlen bei Krankheit das Gehalt weiter, 2024 zusammen rund 82 Milliarden Euro einschließlich Sozialbeiträgen [5]. Jeder Tag, an dem statt einer Krankmeldung gearbeitet wird, bringt für die ohnehin gezahlten Arbeitskosten von 45,00 € je Stunde wieder Arbeitsleistung [10]; jeder Tag, für den mangels Bescheinigung kein Lohn fließt, spart dem Betrieb den Tagessatz — den verlieren dann die Beschäftigten, das steht als eigenes Gegenargument. Über Preise, Löhne und Beiträge verteilt sich ein solcher Gewinn breit über Unternehmen und Beschäftigte. Es ist ein gewöhnlicher wirtschaftlicher Vorteil — kein Schutz von Gesundheit oder Existenz. Wer krank zur Arbeit geht, erbringt zudem nur einen Teil der normalen Leistung; dieser Abschlag ist in der Rechnung enthalten. Der Wert ist mittel: Es geht um Geld und Produktionsleistung in normaler wirtschaftlicher Verwendung, nicht um höherrangige Güter.
Impact
Ohne die Maßnahme bleibt es bei der geltenden Regel: Eine ärztliche Bescheinigung ist erst nötig, wenn die Erkrankung länger als drei Kalendertage dauert [3][13]. Kurze Erkrankungen von ein bis drei Tagen — bei einem Krankenstand von 14,8 Tagen je Arbeitnehmer 2024 [11] — kommen heute meist ohne Arztkontakt aus; die Kassenärztliche Bundesvereinigung schätzt ihre Zahl konservativ auf rund 30 Millionen Episoden pro Jahr [2]. Betriebliche und tarifliche Ausnahmen dürften ein gutes Viertel davon ausnehmen — angesetzt sind 22 Millionen Episoden unter der Pflicht (Spanne: 12 bis 35 Millionen), dieselbe Zahl wie bei den Praxiskontakten [3][4]. Von ihnen unterbleiben zentral 7,5 % (Spanne: 2 bis 20 %), orientiert am schwedischen Experiment, in dem eine spätere Attestpflicht die Fehlzeiten je Episode um 6,6 % verlängerte [6][7]: 1,65 Millionen Episoden zu je zwei Tagen, 3,3 Millionen Fehltage. An neun von zehn dieser Tage wird durchgearbeitet; an jedem zehnten bleibt die Person ohne Bescheinigung zu Hause und verliert den Lohn für den Tag — dieser Posten steht als eigenes Gegenargument [13]. Gegenzurechnen sind zwei Millionen Tage, an denen die Praxis länger krankschreibt, als die Person von sich aus geblieben wäre — jede zehnte der 20 Millionen Episoden, die nun in die Praxis gehen, um einen Tag (Spanne: 0 bis 30 %) [4] —, und 0,3 Millionen Fehltage angesteckter Kolleginnen und Kollegen. Netto bleiben rund 0,7 Millionen Anwesenheitstage (Spanne: 6 Millionen weniger bis 12 Millionen mehr). Ein Arbeitstag steht für 360 Euro Arbeitskosten [10]; wer erkältet am Platz sitzt, bringt davon etwa 60 % — 145 Millionen Euro Produktionswert im Jahr. Dazu kommen 119 Millionen Euro Lohnfortzahlung, die die Betriebe an den Tagen ohne Bescheinigung nicht zahlen. Zusammen sind das rund 264 Millionen Euro im Jahr, 2,6 Punkte auf der Karte; die Entgeltfortzahlung insgesamt kostete die Arbeitgeber 2024 rund 82 Milliarden Euro [5]. Der Impact ist klein: Selbst im günstigen Fall bewegt sich nur ein Bruchteil der Fehltage, und im ungünstigen Fall kehrt sich die Wirkung um.
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| Kurze Erkrankungen von ein bis drei Tagen im Jahr [2] | konservative Schätzung der KBV | 30 Mio Episoden | |
| × | Episoden unter der Pflicht (Spanne 12–35 Mio) Setzung: betriebliche und tarifliche Ausnahmen nehmen gut ein Viertel aus — dieselbe Zahl wie bei den Praxiskontakten [3][4] | 73 % | 22 Mio Episoden |
| × | Episoden, die unterbleiben Setzung, Spanne 2–20 %: Orientierung am schwedischen Experiment (6,6 % je Episode) [6][7] | 7,5 % | 1,65 Mio Episoden |
| × | Fehltage, die dadurch wegfallen Setzung, Spanne 1–3 Tage | 2 Tage je Episode | 3,3 Mio Tage |
| × | davon Tage, an denen durchgearbeitet wird Setzung, Spanne 70–100 %: an jedem zehnten Tag bleibt die Person ohne Bescheinigung zu Hause und verliert den Lohn — Gegenbein con-4 [13] | 90 % | 2,97 Mio Tage |
| − | längere Krankschreibungen durch die Praxis Setzung, Spanne 0–30 %: Praxen schreiben erfahrungsgemäß mehrere Tage krank [4] | 20 Mio Praxis-Episoden × 10 % × 1 Tag | 0,97 Mio Tage |
| − | Fehltage angesteckter Kolleginnen und Kollegen aus con-2; Setzung, Spanne 0,5–2 Tage je Fall | 0,3 Mio Sekundärfälle × 1 Tag | 0,67 Mio Tage |
| = | Anwesenheitstage netto im Jahr (Spanne −6 bis +12 Mio) | 0,67 Mio Tage | |
| × | Produktionswert der Anwesenheitstage 8 Stunden Arbeitskosten von 45 €; wer erkältet arbeitet, bringt etwa 60 % (Setzung, Spanne 40–80 %); Unternehmen, der Euro zählt mit 1 [10] | 360 € je Tag × 0,6 | 145 Mio € |
| + | ersparte Lohnfortzahlung an Tagen ohne Bescheinigung Transfer von den Beschäftigten zu den Betrieben, Gegenbein con-4; beim Betrieb zählt der Euro mit 1 [10][13] | 0,33 Mio Tage × 360 € | 119 Mio € |
| = | Gewinn der Betriebe im Jahr | 264 Mio € | |
| ÷ | Normalised Impact Maßstab dieser Seite | 100 Mio € je Punkt | 2,64 |
Plausibilität
Direkte Belege für eine Attestpflicht ab dem ersten Tag gibt es nicht; die nächste Evidenz stammt aus Schweden. Dort wurde 1988 in zwei Regionen per Zufallszuteilung die Attestpflicht vom achten auf den fünfzehnten Tag verschoben — die Krankheitsepisoden dauerten dadurch im Schnitt 6,6 % länger, gemessen gegen die Gruppe mit unveränderter Regel; ein Experiment von Hesselius, Johansson und Larsson (IFAU 2005) [6][7]. Frühere Kontrolle verkürzt Fehlzeiten dort also messbar, allerdings an einer anderen Stelle der Episode und in einem anderen System: am Tag 8 statt am Tag 1, in einer Sozialversicherung statt bei deutscher Lohnfortzahlung — dieser Abstand ist ein Abschlag auf die Übertragung, nicht ein Mangel des Designs. Die Störgröße, die den deutschen Anstieg der Fallzahlen seit 2022 ohne jede Verhaltensänderung erklärt, ist die elektronische Erfassung: Nach Auswertungen von Zi, DAK und AOK trägt sie den Anstieg, nicht laxere Kontrolle [2][3]; das Experiment ist davon unberührt, für die Übertragung bleibt sie in der Spanne. Umgekehrte Kausalität scheidet aus, die Regel wird von außen gesetzt. Gegen das mengentragende Glied — dass die Praxis nicht länger krankschreibt, als die Selbstmeldung gedauert hätte — spricht die deutsche Fachdebatte: Das DIW rechnet eher mit mehr Fehltagen, weil Praxen erfahrungsgemäß gleich mehrere Tage krankschreiben und Ansteckungen am Arbeitsplatz zunehmen können [4]; der Hausärzteverband hält eine Senkung der Krankheitstage für eine „Illusion“ [3]. Und die telefonische Krankschreibung — eine Lockerung in die Gegenrichtung — hat die Fallzahlen nicht messbar erhöht; ihr Anteil liegt bei 0,8 bis 1,2 % aller Bescheinigungen [4]. Ein Netto-Rückgang in der angesetzten Größe tritt in etwa vier von zehn vergleichbaren Fällen ein. Die Plausibilität bleibt niedrig bis mittel: Ein einzelnes, weit entferntes Experiment spricht dafür, die deutsche Fachdebatte überwiegend dagegen — mehr trägt diese Beleglage nicht.
Kontrafaktum: geltende Regel, Bescheinigung ab dem vierten Kalendertag. Design: experimentell — Hesselius/Johansson/Larsson (IFAU 2005 [6]) mit Zufallszuteilung der späteren Attestpflicht (Tag 8 → 15) in zwei schwedischen Regionen; die Übertragung auf Tag 1 und die deutsche Lohnfortzahlung ist externe Validität und bleibt Abschlag. Störgröße: elektronische Erfassung (Anstieg der Fallzahlen seit 2022), im Experiment durch Zufallszuteilung neutralisiert, für die Übertragung in der Spanne. Richtung: keine Umkehrkausalität, Regel exogen gesetzt. Deckel: Stufe 8,5 bindet nicht, der bestehende Tier-Deckel 5 bleibt; die Spanne ist an der Unterbleibensquote (2–20 %) aufgespannt, das Netto-Vorzeichen nach der Praxis-Verlängerung ist darin nicht bepreist — deshalb Befundleiter.
Richtung durch das schwedische Experiment gestützt; das mengentragende Glied — die Praxis schreibt nicht länger krank als die Selbstmeldung — hat die DIW-Einschätzung und den ausgebliebenen Effekt der telefonischen Krankschreibung gegen sich.
Offen: Eine Auswertung der AU-Tage nach Inkrafttreten gegen Betriebe mit Ausnahmeregelung (Differenz-in-Differenzen über die eAU-Daten) würde P auf 6 bis 7 heben — oder das Argument bei umgekehrtem Vorzeichen streichen.