Zwei griechische Figuren prüfen ärztliche Bescheinigung, Stethoskop und Kalenderbeginn.

AU-Pflicht ab Tag 1

Heute müssen Beschäftigte eine ärztliche Bescheinigung erst vorlegen, wenn sie länger als drei Kalendertage krank sind; Arbeitgeber können sie aber früher verlangen [3][13]. Arbeitgeber hatten unbezahlte Karenztage gefordert; am 1. Juli 2026 beschloss der Koalitionsausschuss von CDU/CSU und SPD stattdessen die Bescheinigung ab dem ersten Tag und das Ende der telefonischen Krankschreibung [1][15]. Grüne, Linke, AfD, DGB und Hausärzte lehnen die Pflicht ab; das Gesetz muss noch geschrieben werden, Ausnahmen für Betriebe und Tarifverträge sind angekündigt [3][4].

  • 14,8 Krankheitstage hatte ein Arbeitnehmer in Deutschland im Jahr 2024 im Schnitt [11]
  • 82 Milliarden Euro kostete die Lohnfortzahlung bei Krankheit die Arbeitgeber einschließlich Sozialbeiträgen in einem Jahr [5]
  • 59 % der Befragten lehnen die Attestpflicht ab dem ersten Tag ab, 31 % begrüßen sie [4]

Der Vorschlag

Beschäftigte sollen eine ärztliche Krankschreibung schon vom ersten Fehltag an vorlegen müssen statt wie bisher erst ab dem vierten Tag.

Die Debatte

Redner der CDU/CSU verteidigten die Pflicht: Die telefonische Krankschreibung sei eine Ausnahme aus der Pandemie gewesen, und Arbeitgeber müssten sich auf eine ärztlich festgestellte Arbeitsunfähigkeit verlassen können. Grüne, Linke und AfD warnten vor vollen Praxen, mehr Ansteckung und längeren Krankschreibungen. Sie sahen in der Pflicht einen Generalverdacht gegen Beschäftigte; Zweifel äußerte auch Jan Dieren aus der SPD, deren Spitze den Beschluss mitgetragen hat. Die Aussprache am 10. Juli 2026 war eine Aktuelle Stunde auf Verlangen der Grünen, abgestimmt wurde nicht [14].

  • „Kranke Menschen brauchen Schutz, und Missbrauch braucht Grenzen.“

    spricht dafür: Simone Borchardt, CDU/CSU Bundestag, 10. Juli 2026
  • „Ich verspreche Ihnen hier und heute: Wenn Sie diese Maßnahmen so beschließen, dann wird das nicht zu weniger Krankentagen führen, dann wird das zu mehr Krankentagen führen.“

    spricht dagegen: Ricarda Lang, Grüne Bundestag, 10. Juli 2026
  • „Vollere Arztpraxen bedeuten mehr Ansteckungen.“

    spricht dagegen: Jan Dieren, SPD Bundestag, 10. Juli 2026

Die Analyse

AU-Pflicht ab Tag 1

22 % des Gewichts sprechen dafür, 78 % dagegen.

Das Gewicht eines Arguments verbindet drei Fragen: wie groß die Wirkung ist, wie sicher sie eintritt und wie wichtig das betroffene Gut ist. Je größer das Stück, desto schwerer wiegt das Argument.

Dafür

Dagegen

Die Attestpflicht ab dem ersten Krankheitstag ist nach der aktuellen Analyse ein schlechter Vorschlag.

Sehr wahrscheinlich schlechter

Sehr wahrscheinlich schlechter: Unter den angesetzten Annahmen bringt der Vorschlag in weniger als einer von 100 Modellrechnungen mehr, als er kostet.

Gesamteffekt: mittel

Wie stark der Vorschlag insgesamt wirkt, in fünf Stufen von sehr klein bis sehr groß, über alle Debatten vergleichbar. Der Kreis ist immer voll, auch wenn die Wirkung insgesamt klein ist; wie groß sie ist, sagt diese Stufe.

Die Kritiker aus Opposition und SPD haben nach der Analyse recht, und zwar mit den Gründen, die sie selbst nennen. Drei große Gegenposten stehen gegen einen dafür, voran die Zeit, die Kranke auf dem Weg und im vollen Wartezimmer verbringen. Danach folgen die gebundene Arbeitszeit der Praxen und Krankschreibungen, die länger dauern, als die Beschäftigten selbst geblieben wären. Der Einwand der Union, manche kurze Krankmeldung falle ohne Arztbesuch zu leicht, wiegt fast so viel wie die längeren Krankschreibungen, steht aber auf schwachen Belegen. Wenig wiegen dagegen die zusätzlichen Ansteckungen, vor denen Jan Dieren warnte, und der Generalverdacht, den die Opposition vor allem anführte; dessen Schaden hat niemand gemessen.

Mit eigenen Werten nachrechnen

Wie schwer Leben, Gesundheit, Klima, Zeit und Geld zählen, lässt sich anders gewichten. Der Werte-Shift rechnet die Debatte damit neu.

Zum Werte-Shift →

Im Detail

Alle Argumente

Pro-Argumente2 Argumente

Weniger kurze Fehlzeiten durch die Attesthürde

11Punkte

Die Attesthürde soll kurze Krankmeldungen verhindern, die ohne Arztbesuch leichter fallen. Angesetzt sind 1,65 Millionen Episoden im Jahr, die unterbleiben: knapp drei Millionen Tage, an denen erkältet weitergearbeitet wird, mit rund 60 % der normalen Leistung, abzüglich der Fehltage angesteckter Kolleginnen und Kollegen. Das ergibt 5,3 Punkte auf der Karte. Ob die Hürde in dieser Größe wirkt, ist die offenste Frage der Rechnung; was die Praxen an zusätzlichen Krankschreibungstagen dagegensetzen, steht als eigenes Gegenargument.

Wert 5 · UnternehmensbudgetsImpact 5,3Plausibilität 4
▸ Begründung & Quellen anzeigen ▾ Begründung & Quellen ausblenden

Wert

Der Nutzen käme den Arbeitgebern zugute: Sie zahlen bei Krankheit das Gehalt weiter, 2024 zusammen rund 82 Milliarden Euro einschließlich Sozialbeiträgen [5]. Jeder Tag, an dem statt einer Krankmeldung gearbeitet wird, bringt für die ohnehin gezahlten Arbeitskosten von 45,00 € je Stunde wieder Arbeitsleistung [10]. Über Preise, Löhne und Beiträge verteilt sich ein solcher Gewinn breit über Unternehmen und Beschäftigte. Es ist ein gewöhnlicher wirtschaftlicher Vorteil, kein Schutz von Gesundheit oder Existenz. Wer krank zur Arbeit geht, erbringt zudem nur einen Teil der normalen Leistung; dieser Abschlag ist in der Rechnung enthalten. Die Lohnfortzahlung, die die Betriebe an Tagen ohne Bescheinigung sparen, ist kein Produktionsgewinn, sondern Geld, das von den Beschäftigten kommt; sie steht als eigenes Argument. Der Wert ist mittel: Es geht um Produktionsleistung in normaler wirtschaftlicher Verwendung, nicht um höherrangige Güter.

Impact

Ohne die Maßnahme bleibt es bei der geltenden Regel: Eine ärztliche Bescheinigung ist erst nötig, wenn die Erkrankung länger als drei Kalendertage dauert [3][13]. 2024 lag der Krankenstand bei 14,8 Tagen je Arbeitnehmer [11]. Kurze Erkrankungen von ein bis drei Tagen kommen meist ohne Arztkontakt aus; die Kassenärztliche Bundesvereinigung schätzt ihre Zahl konservativ auf rund 30 Millionen Episoden pro Jahr [2]. Betriebliche und tarifliche Ausnahmen dürften ein gutes Viertel davon ausnehmen; angesetzt sind 22 Millionen Episoden unter der Pflicht (Spanne: 12 bis 35 Millionen) [3][4]. Von ihnen unterbleiben zentral 7,5 % (Spanne: 2 bis 20 %). Das ist eine Setzung, denn das schwedische Experiment hat die Zahl der Krankheitsepisoden nicht verändert, nur ihre Dauer um 6,6 % [6], und die Studien zur Selbstbescheinigung am ersten Tag widersprechen einander [7]: 1,65 Millionen Episoden zu je zwei Tagen, 3,3 Millionen Fehltage. An neun von zehn dieser Tage wird durchgearbeitet, das sind 2,97 Millionen Tage; an jedem zehnten bleibt die Person ohne Bescheinigung zu Hause, das ist ein Lohnposten und steht als eigenes Argument [13]. Ein Arbeitstag steht für 360 Euro Arbeitskosten [10]; wer erkältet am Platz sitzt, bringt davon etwa 60 % (Spanne: 40 bis 80 %), umgerechnet 1,78 Millionen voll produktive Tage. Abzuziehen sind 0,3 Millionen Fehltage angesteckter Kolleginnen und Kollegen, die dieselbe Anwesenheit verursacht: netto 1,48 Millionen Tage, 534 Millionen Euro Produktionswert im Jahr, 5,3 Punkte auf der Karte (Spanne: 3,2 bis 7,5); die Entgeltfortzahlung insgesamt kostete die Arbeitgeber 2024 rund 82 Milliarden Euro [5]. Dass die Praxen einen Teil der Kurzepisoden länger krankschreiben, als die Person von sich aus geblieben wäre, ist ein eigener Wirkungsweg mit eigener Unsicherheit; er steht als Gegenargument, nicht als Abzug in dieser Kette. Der Impact ist mittel: gut ein Prozent der Fehltage, mit vollem Vorzeichen nur dann, wenn die Hürde wirklich abschreckt.

▸ Rechenweg anzeigen ▾ Rechenweg ausblenden
Kurze Erkrankungen von ein bis drei Tagen im Jahr [2] konservative Schätzung der KBV 30 Mio Episoden
× Episoden unter der Pflicht (Spanne 12–35 Mio) Setzung: betriebliche und tarifliche Ausnahmen nehmen gut ein Viertel aus — dieselbe Zahl wie bei den Praxiskontakten [3][4] 73 % 22 Mio Episoden
× Episoden, die unterbleiben Setzung, Spanne 2–20 %: das schwedische Experiment fand 6,6 % kürzere Dauer, keine Änderung der Episodenzahl; die Tag-1-Vergleiche widersprechen einander — Scharnier der Bewertung, gemeinsam mit pro-2 und con-4 [6][7] 7,5 % 1,65 Mio Episoden
× Fehltage, die dadurch wegfallen Setzung, Spanne 1–3 Tage 2 Tage je Episode 3,3 Mio Tage
× davon Tage, an denen durchgearbeitet wird Setzung, Spanne 70–100 %: an jedem zehnten Tag bleibt die Person ohne Bescheinigung zu Hause — Lohnposten in pro-2/con-4 [13] 90 % 2,97 Mio Tage
× voll produktive Tage Setzung, Spanne 40–80 %: wer erkältet arbeitet, bringt etwa 60 % der normalen Leistung 60 % 1,78 Mio Tage
− Fehltage angesteckter Kolleginnen und Kollegen aus con-2; Setzung, Spanne 0,5–2 Tage je Fall — ganze Fehltage, kein Leistungsabschlag 0,3 Mio Sekundärfälle × 1 Tag 1,48 Mio Tage
= Produktive Tage netto im Jahr 1,48 Mio Tage
× Produktionswert im Jahr (Spanne 320–750) 8 Stunden Arbeitskosten von 45 €; Unternehmen, der Euro zählt mit 1 [10] 360 € je Tag 534 Mio €
÷ Normalised Impact Maßstab dieser Seite 100 Mio € je Punkt 5,34
Score 5,34 Impact × 5 Wert × 4 Plausibilität ÷ 10 = 11 von 100

Plausibilität

Direkte Belege für eine Attestpflicht ab dem ersten Tag gibt es nicht; die nächste Evidenz stammt aus Schweden. Dort wurde 1988 in zwei Regionen per Zufallszuteilung die Attestpflicht vom achten auf den fünfzehnten Tag verschoben. Die Krankheitsepisoden dauerten dadurch im Schnitt 6,6 % länger, die Zahl der Episoden blieb ausdrücklich unverändert; ein Experiment von Hesselius, Johansson und Larsson (IFAU 2005) [6]. Es trägt also die Richtung (frühere Kontrolle, weniger Fehltage), nicht aber die Behauptung dieses Arguments, dass Episoden ganz unterbleiben: gemessen wurde die Fortsetzung am Tag 8, nicht der Beginn am Tag 1, in einer Sozialversicherung statt bei deutscher Lohnfortzahlung. Für den Tag-1-Rand selbst liegen nur Vorher-Nachher-Vergleiche vor, die ein Cochrane-Review als widersprüchlich und von sehr niedriger Sicherheit einstuft: In einer norwegischen Kommune stieg mit der Einführung dreitägiger Selbstbescheinigung die Zahl der Episoden je Beschäftigten um 0,48 im Jahr, anderswo änderte sich nichts [7]. Den deutschen Anstieg der Fallzahlen seit 2022 erklärt ohne jede Verhaltensänderung die elektronische Erfassung, und sie könnte jeden Vorher-Nachher-Vergleich verfälschen: Nach Auswertungen von Zi, DAK und AOK trägt sie den Anstieg, nicht laxere Kontrolle [2][3]. Dass der Zusammenhang umgekehrt läuft, ist ausgeschlossen, weil die Regel von außen gesetzt wird. Gegen die Größe spricht die deutsche Fachdebatte: Der Hausärzteverband hält eine Senkung der Krankheitstage für eine „Illusion“ [3], und die telefonische Krankschreibung, eine Lockerung in die Gegenrichtung, hat die Fallzahlen nicht messbar erhöht; ihr Anteil liegt bei 0,8 bis 1,2 % aller Bescheinigungen [4]. Ein Rückgang in der angesetzten Größe tritt in etwa vier von zehn vergleichbaren Fällen ein. Die Plausibilität bleibt niedrig bis mittel: Die Richtung ist belegt; der Schritt, an dem die Menge hängt, dass Kurzepisoden am ersten Tag wirklich unterbleiben, ist nur durch widersprüchliche Vorher-Nachher-Vergleiche gestützt.

Beleglage: Studie · Plausibilität höchstens 5 Nachweis der Wirkung: Kontrolliert · höchstens 7 Einordnung: Tragendes Glied bestritten · Plausibilität 3,5–4

Offen: Eine Auswertung der AU-Tage nach Inkrafttreten gegen Betriebe mit Ausnahmeregelung (Differenz-in-Differenzen über die eAU-Daten) würde P auf 6 bis 7 heben oder das Argument bei ausbleibendem Effekt streichen.

Ersparte Lohnfortzahlung ohne Bescheinigung

2,1Punkte

Wer krank zu Hause bleibt, aber keine Bescheinigung beibringt, bekommt für den Tag keinen Lohn; die Betriebe sparen ihn. Angesetzt ist das für jeden zehnten der unterbleibenden Fehltage, rund 330.000 Tage und 119 Millionen Euro im Jahr, die von den Beschäftigten und den Sozialkassen zu den Betrieben wandern. Es ist dieselbe Summe, die auf der Gegenseite als Verlust der Beschäftigten steht.

Wert 5 · UnternehmensbudgetsImpact 1,2Plausibilität 3,5
▸ Begründung & Quellen anzeigen ▾ Begründung & Quellen ausblenden

Wert

Die Ersparnis fällt bei den Arbeitgebern an, die bei Krankheit sonst das Gehalt weiterzahlen, 2024 zusammen rund 82 Milliarden Euro einschließlich Sozialbeiträgen [5]. Für einen Tag ohne Bescheinigung entfällt der Tagessatz von 360 Euro Arbeitskosten [10]; der Betrieb zahlt weniger, ohne dass Arbeit geleistet wird. Es ist reines Geld in normaler wirtschaftlicher Verwendung, kein Schutz von Gesundheit oder Existenz, und beim Betrieb zählt der Euro mit 1. Was der Betrieb spart, fehlt den Beschäftigten und den Sozialkassen; dieser Verlust steht als eigenes Gegenargument, wo der Euro etwas schwerer wiegt. Über Preise, Löhne und Beiträge verteilt sich die Ersparnis breit. Der Wert ist mittel: ein Geldvorteil der Betriebe ohne Eingriff in höherrangige Güter.

Impact

Ohne Bescheinigung darf der Arbeitgeber die Lohnfortzahlung verweigern, bis der Nachweis vorliegt [13]; mit der Pflicht ab Tag 1 gilt das vom ersten Tag an [3]. Von den zentral 1,65 Millionen Kurzepisoden, die unter der Hürde unterbleiben, entfällt der größere Teil auf Beschäftigte, die durcharbeiten; angesetzt ist, dass jede zehnte stattdessen ohne Bescheinigung zu Hause bleibt (Spanne: 0 bis 30 %). Das sind 165.000 Episoden zu je zwei Tagen, rund 330.000 Tage im Jahr. Für jeden dieser Tage entfallen 360 Euro Arbeitskosten [10]: 119 Millionen Euro im Jahr, 1,2 Punkte auf der Karte. Das ist genau die Summe, die die Beschäftigten an Nettolohn und die Sozialkassen und der Fiskus an Beiträgen und Lohnsteuer verlieren; die Menge ist mit dem Gegenargument geteilt, deshalb steht hier keine eigene Spanne. Zum Vergleich: Die Produktionsleistung der durchgearbeiteten Tage in diesem Szenario liegt bei 5,3 Punkten. Der Impact ist klein: ein Tageslohn je Fall, einige hunderttausend Fälle im Jahr.

▸ Rechenweg anzeigen ▾ Rechenweg ausblenden
1,65 Mio Episoden
Kurzepisoden, die unter der Hürde unterbleiben
× 10 % Setzung, Spanne 0–30 %: Lohnabzug statt Praxisgang oder Durcharbeiten — geteilte Menge mit con-4
0,17 Mio Episoden
davon zu Hause ohne Bescheinigung
× 2 Tage je Episode Setzung, Spanne 1–3 Tage, wie in pro-1
0,33 Mio Tage
Tage ohne Lohnfortzahlung
× 360 € je Tag 8 Stunden Arbeitskosten von 45 €; Betrieb, der Euro zählt mit 1
119 Mio €
ersparte Lohnfortzahlung
÷ 100 Mio € je Punkt Maßstab dieser Seite
1,19
Normalised Impact
Score 1,19 Impact × 5 Wert × 3,5 Plausibilität ÷ 10 = 2,1 von 100

Plausibilität

Der Rechtsmechanismus ist eindeutig: Ohne Nachweis kann der Arbeitgeber die Zahlung zurückhalten [13], und die Pflicht ab Tag 1 verschiebt den Nachweis an den Anfang der Erkrankung [1][3]. Gemessen wird gegen die geltende Regel, unter der die Meldung für drei Tage genügt. Eine Studie dazu gibt es nicht: Wie viele Beschäftigte den Lohnabzug in Kauf nehmen, statt in die Praxis zu gehen oder durchzuarbeiten, hat niemand vermessen. Die Quote von zehn Prozent ist eine Setzung, und an ihr hängt die Menge. Verkleinern könnte die Menge die rückwirkende Bescheinigung: Die Praxis darf in begründeten Ausnahmefällen um wenige Tage zurückdatieren, dann entfällt der Abzug. Eine umgekehrte Wirkungsrichtung kommt nicht in Betracht. Dass die Kette anläuft, ist plausibel; dass sie in dieser Größe anläuft, trifft in gut jedem dritten vergleichbaren Fall zu. Für den Verlust auf der Gegenseite gilt dieselbe Einschätzung, denn es ist dieselbe Zahl. Die Plausibilität ist niedrig: Der Rechtsweg steht, die Zahl der Fälle ist eine Setzung ohne Träger.

Beleglage: Plausibilität · Plausibilität höchstens 5 Nachweis der Wirkung: Mechanistisch · höchstens 6 Einordnung: Kette offen · Plausibilität 3–3,5

Offen: Eine Auswertung von Entgeltabrechnungen (Tage ohne Lohnfortzahlung vor und nach Inkrafttreten) würde die Quote belegen und P auf 6 heben.

Contra-Argumente6 Argumente

Zeit- und Wegeaufwand kranker Beschäftigter

15Punkte

Millionen Kranke müssten für ein bis drei Fehltage künftig erst in die Praxis, zusammen rund 41 Millionen Stunden Weg- und Wartezeit im Jahr, aufgebracht von Menschen, die gerade krank sind. Gezählt als erzwungene Lebenszeit ist das der schwerste Posten der Bewertung; der Lohn bleibt unberührt.

Wert 9 · LebenszeitImpact 2,8Plausibilität 6
▸ Begründung & Quellen anzeigen ▾ Begründung & Quellen ausblenden

Wert

Den Aufwand tragen kranke Beschäftigte: Zeit, Wege und Wartezimmerstunden statt Bettruhe. Es ist keine Einkommensfrage, denn der Lohn wird unverändert fortgezahlt [3], und im Regelfall keine Gesundheitsfrage, sondern verlorene Lebenszeit: Stunden, die niemand freiwillig so verbringt und die nichts anderes zulassen. Gelebte Zeit steht in diesem Maßstab einen Schritt unter Leben und Gesundheit: teilbar, wiederholbar, aber unwiederbringlich. Je betroffener Person sind es zwei bis vier Stunden im Jahr; die Summe kommt aus der Zahl der Betroffenen. Den „Generalverdacht“ gegen Beschäftigte, den Gewerkschaften und Opposition darüber hinaus sehen [3][4][14], bewertet ein eigenes Argument; hier zählt nur die Zeit. Der Wert ist hoch: erzwungene Lebenszeit, aufgebracht im Krankheitsfall, einen Schritt unter Leben und Gesundheit.

Impact

Wer künftig einen Tag mit einem Magen-Darm-Infekt zu Hause bleiben will, muss vorher in die Praxis: Weg, Anmeldung, Wartezimmer, Termin. Von zentral 22 Millionen Kurzepisoden unter der Pflicht (Spanne: 12 bis 35 Millionen) [2][3][4] erreichen nach dem Pro-Argument rund 20,4 Millionen die Praxis; bei angesetzt zwei Stunden je Besuch (Spanne: 1 bis 3) summiert sich das auf rund 41 Millionen Stunden pro Jahr, aufgebracht von Menschen, die gerade krank sind. Je betroffener Person sind das zwei bis vier Stunden im Jahr; für Beschäftigte mit mehreren Infekten entsprechend mehr. Erzwungene Zeit ohne Gegenwert zählt als volle wache Stunde; auf der Karte sind das 2,8 Punkte (Spanne: 0,8 bis 6,7), etwas mehr, als die Praxen selbst an Dienstzeit für dieselben Kontakte aufwenden. Bisher genügt die Meldung an den Arbeitgeber, und auskuriert wird im Bett [3]. Dagegen ist das ein reiner Zusatzaufwand ohne medizinischen Gegenwert; die KBV spricht vom „reinen Ausfüllen von Zetteln“ [2]. Fällt die telefonische Krankschreibung wie beschlossen weg [1], gibt es für diese Fälle keinen einfacheren Kanal mehr. Der Impact ist mittel: sehr viele Betroffene, ein pro Kopf und Jahr überschaubarer, aber erzwungener Zeitverlust.

▸ Rechenweg anzeigen ▾ Rechenweg ausblenden
30 Mio Kontakte
Zusätzliche Praxisbesuche im Jahr laut KBV
[2]
× 73 % Setzung: betriebliche und tarifliche Ausnahmen — dieselbe Zahl wie in con-1
22 Mio Episoden
Episoden nach Ausnahmen (Spanne 12–35 Mio)
× 92,5 % 7,5 % der Episoden unterbleiben nach pro-1 — dieselbe Zahl wie in con-1
20,35 Mio Kontakte
Kontakte in der Praxis
× 2 Stunden je Besuch Setzung, Spanne 1–3 h: Weg, Anmeldung, Wartezimmer, Termin — trotz Krankheit
40,7 Mio Stunden
Stunden kranker Beschäftigter im Jahr
× 6,85 € je Stunde erzwungene Zeit ohne Gegenwert zählt als volle wache Stunde (Personenstunde, oberer Rand)
279 Mio €
Lebenszeit im Jahr (Spanne 76–670)
÷ 100 Mio € je Punkt Maßstab dieser Seite
2,79
Normalised Impact
Score 2,79 Impact × 9 Wert × 6 Plausibilität ÷ 10 = 15 von 100

Plausibilität

Der Aufwand folgt unmittelbar aus der Pflicht: Ohne Praxiskontakt keine Bescheinigung, ohne Bescheinigung kein gesicherter Anspruch [3][13]. Gemessen wird gegen die geltende Regel, unter der die Meldung genügt. Gemessen ist davon nichts: Die Kontaktzahl hängt an derselben Hochrechnung und denselben Ausnahmen wie das Praxis-Argument [2][3], und die zwei Stunden je Besuch sind eine Setzung ohne Messung. In überfüllten Praxen, die die Maßnahme selbst erzeugt, dürfte eher die Obergrenze gelten, bei Terminvergabe im Voraus die Untergrenze. Kürzer würde der Aufwand mit einem verbleibenden Videokanal [4], der den Besuch auf Minuten verkürzen würde; er steckt in der Untergrenze der Spanne. Die Richtung kann sich nicht umkehren, weil der Aufwand aus der Regel selbst folgt. Dass der erwartete Alltagsaufwand real wahrgenommen wird, zeigt eine Umfrage: 59 % der Bevölkerung lehnen die Attestpflicht ab Tag 1 ab, 31 % begrüßen sie [4]. Eine Rechnung dieser Art trifft in etwa sechs von zehn vergleichbaren Fällen in der angesetzten Größe zu. Die Plausibilität ist mittel bis hoch: Der Zeitaufwand ist sicher, nur seine Gesamtmenge teilt die Unsicherheit des Kontaktvolumens.

Beleglage: Mechanismus · Plausibilität höchstens 6 Nachweis der Wirkung: Mechanistisch · höchstens 6

Millionen zusätzliche Arztbesuche binden Praxiszeit

13Punkte

Jede kurze Erkrankung müsste künftig durch eine Praxis, die sie heute nie sieht. Angesetzt sind gut 20 Millionen zusätzliche Kontakte im Jahr, je zehn Minuten ärztlich und zehn am Empfang: 3,4 Millionen Arztstunden und ebenso viele Empfangsstunden, die für Behandlung fehlen. Die Arztstunde zählt mit dem Überschuss, den sie einer Praxis erwirtschaftet, der Empfang als Dienstzeit: zusammen 4,4 Punkte; die verdrängte Versorgung dahinter ist nicht beziffert.

Wert 5 · Vollzug & VerfahrenImpact 4,4Plausibilität 6
▸ Begründung & Quellen anzeigen ▾ Begründung & Quellen ausblenden

Wert

Getragen wird die Last vom ambulanten Versorgungssystem und damit von allen gesetzlich Versicherten. Arztzeit, Personalzeit und Vergütung, die für das Ausstellen von Bescheinigungen aufgewendet werden, stehen für Diagnose und Behandlung nicht zur Verfügung. Es handelt sich um beitragsfinanzierte Ressourcen, dieselbe Kategorie wie Steuergeld, das anderswo fehlt. Die möglichen Folgeschäden verdrängter Behandlungen, etwa bei chronisch Kranken, sind darin noch nicht enthalten; sie sind nicht bezifferbar und bleiben hier ausgewiesen, aber ungewertet. Für die Praxen selbst kommt der Aufwand zu einer ohnehin angespannten Versorgungslage hinzu [2][3]. Der Wert ist mittel: Beitragsfinanzierte Systemressourcen wiegen wie öffentliche Mittel: verlässlich, aber nicht existenziell.

Impact

Heute erreichen kurze Erkrankungen die Praxen gar nicht, mit der Pflicht ab Tag 1 müssten sie es. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung rechnet konservativ mit 30 Millionen zusätzlichen Praxisbesuchen pro Jahr, wenn Attestpflicht ab Tag 1 und Wegfall der Telefon-Krankschreibung zusammenkommen; bei zehn Minuten je Kontakt sind das fünf Millionen Stunden ärztlicher Zeit; die KBV selbst nennt 208.000 „Arbeitstage“, gerechnet als Tage rund um die Uhr [2]. In der hiesigen Rechnung sind zentral 22 Millionen Beschäftigte-Episoden unter der Pflicht angesetzt (Spanne: 12 bis 35 Millionen), weil betriebliche und tarifliche Ausnahmen einen Teil der Beschäftigten ausnehmen dürften [3][4]; von ihnen unterbleiben nach dem Pro-Argument 7,5 %, in die Praxis gehen also rund 20,4 Millionen. Zu den zehn ärztlichen Minuten kommen angesetzt zehn Minuten am Empfang für Terminvergabe, Anmeldung, Ausstellung und elektronische Übermittlung der Bescheinigung (Spanne: 5 bis 15 Minuten). Das sind 3,4 Millionen Arztstunden und 3,4 Millionen Empfangsstunden im Jahr. Gerechnet wird in der Betriebssicht der Praxen, aber mit zwei Sätzen: Die Arztstunde steht für 95 Euro, den Jahresüberschuss eines niedergelassenen Praxisinhabers von 190.400 Euro [9], verteilt auf rund 2.000 Inhaberstunden im Jahr (Spanne: 70 bis 150 Euro); die Empfangsstunde steht für 36 Euro, die Arbeitsstunde von 45 Euro [10] mit 0,8 gewichtet wie jede Dienstzeit in diesem Maßstab. Das ergibt rund 322 Millionen Euro ärztlicher und 122 Millionen Euro Empfangszeit, zusammen rund 444 Millionen Euro im Jahr (Spanne: 210 bis 800 Millionen). Diese Kapazität fehlt an anderer Stelle: Praxen und Sozialverband warnen, dass die Versorgung tatsächlich behandlungsbedürftiger Patienten zurückstehen müsste [2][3]; was eine verdrängte Behandlung an Gesundheit kostet, ist darin nicht enthalten. Für die Kassen entstehen zunächst kaum Mehrausgaben, weil die ambulante Vergütung weitgehend budgetiert ist; bei Privatversicherten wird jeder Zusatzkontakt einzeln vergütet und schlägt sich in den Prämien nieder. Der Impact ist mittel bis groß: sehr viele Kontakte, jeder einzelne kurz, und die ärztliche Minute zu dem bewertet, was sie einer Praxis erwirtschaftet, nicht zum Durchschnittslohn.

▸ Rechenweg anzeigen ▾ Rechenweg ausblenden
Zusätzliche Praxisbesuche im Jahr laut KBV [2] konservative Hochrechnung bei Attestpflicht ab Tag 1 ohne Telefon-Krankschreibung 30 Mio Kontakte
× Episoden nach Ausnahmen (Spanne 12–35 Mio) Setzung: betriebliche und tarifliche Ausnahmen nehmen gut ein Viertel der Beschäftigten aus [3][4] 73 % 22 Mio Episoden
× Kontakte in der Praxis 7,5 % der Episoden unterbleiben nach pro-1 und erreichen die Praxis nicht 92,5 % 20,35 Mio Kontakte
× Arztstunden im Jahr Ansatz der KBV je Bescheinigung [2] 10 min ärztlich je Kontakt 3,39 Mio Stunden
× Ärztliche Zeit im Jahr (Spanne 240–510) Anker Arztstunde: Jahresüberschuss je Praxisinhaber 190.400 € ÷ rund 2.000 Inhaberstunden (50 Wochenstunden × 40 Arbeitswochen), Spanne 70–150 €; Betriebssicht, der Euro zählt mit 1 [9] 95 € je Arztstunde 322 Mio €
+ Empfangszeit im Jahr (Spanne 5–15 min je Kontakt) Terminvergabe, Anmeldung, Ausstellung und Übermittlung (Setzung); Arbeitsstunde 45 € × 0,8 — Dienstzeit der Praxis, Betriebssicht [10] 20,35 Mio × 10 min × 36 € je Stunde 122 Mio €
= Gebundene Praxiszeit im Jahr (Spanne 210–800) 322 + 122 444 Mio €
÷ Normalised Impact Maßstab dieser Seite 100 Mio € je Punkt 4,44
Score 4,44 Impact × 5 Wert × 6 Plausibilität ÷ 10 = 13 von 100

Plausibilität

Dass die Besuche stattfinden, folgt fast zwingend aus der Regel: Ohne Bescheinigung gibt es keinen gesicherten Anspruch auf Lohnfortzahlung, also gehen Erkrankte hin [3][13]. Gemessen wird gegen die geltende Regel, unter der die kurze Episode die Praxis nicht erreicht. Unsicher ist allein die Menge, und gemessen hat sie niemand. Die 30 Millionen sind eine Hochrechnung der KBV, einer Partei mit eigenem Interesse im Streit; sie war im Juli 2026 die einzige öffentliche Zahl und ist als „konservativ“ ausgewiesen [2]. Die Praxisminuten je Fall sind gesetzt. Verfälschen könnte die Menge der Ausnahmenanteil: betriebliche Ausnahmen, die der Kanzler in Aussicht gestellt hat [3], abweichende Arbeits- und Tarifverträge [4] und ein möglicher Rest an Videobescheinigungen, falls dieser Kanal doch teilweise erhalten bleibt [1]; sie könnten die Menge halbieren und stecken in der Spanne. Nach oben wirkt, dass Beschäftigte mit mehreren Kurzinfekten im Jahr mehrfach kommen müssten. Ein umgekehrter Zusammenhang ist hier nicht denkbar. Das schwedische Experiment fand schon 1988, dass die eingesparten Arztbesuche den Nutzen früherer Kontrolle nicht aufwiegen [6][7], und dort ging es um weit weniger Kontakte je vermiedenem Fehltag als hier. Eine Rechnung dieser Art trifft in etwa sechs von zehn vergleichbaren Fällen in der angesetzten Größe zu. Die Plausibilität ist mittel bis hoch: Der Mechanismus ist zwingend, nur das Mengengerüst stammt aus einer einzigen, interessengebundenen Hochrechnung.

Beleglage: Projektion · Plausibilität höchstens 6 Nachweis der Wirkung: Mechanistisch · höchstens 6

Längere Krankschreibungen aus der Praxis

12Punkte

Wer mit einem Infekt in die Praxis muss, kommt selten mit einer Bescheinigung für einen einzigen Tag zurück. Angesetzt ist, dass jede zehnte der gut 20 Millionen Kurzepisoden, die nun ärztlich bescheinigt werden, um einen Tag länger dauert, als die Person von sich aus geblieben wäre. Das sind rund zwei Millionen zusätzliche Fehltage und 5,9 Punkte auf der Karte, mehr als das Pro-Argument einbringt. Ob die Praxen so krankschreiben, ist nicht gemessen, aber von DIW und Hausärzten gleichlautend erwartet.

Wert 5 · UnternehmensbudgetsImpact 5,9Plausibilität 4
▸ Begründung & Quellen anzeigen ▾ Begründung & Quellen ausblenden

Wert

Die Last tragen die Arbeitgeber: Für jeden zusätzlich bescheinigten Tag zahlen sie das Gehalt weiter und verlieren die Arbeitsleistung. Das ist dieselbe Kategorie, in der das Pro-Argument seinen Gewinn zählt, mit umgekehrtem Vorzeichen. Es geht um Produktionsleistung in normaler wirtschaftlicher Verwendung; über Preise, Löhne und Beiträge verteilt sich der Verlust breit über Unternehmen und Beschäftigte. Für die Beschäftigten selbst ist der zusätzliche Tag zu Hause kein Schaden, eher ein Tag Erholung, den sie sich sonst nicht genommen hätten; dieser Gegenwert ist nicht beziffert. Es ist kein Eingriff in Gesundheit oder Existenz. Der Wert ist mittel: entgangene Produktion, wie beim Pro-Argument, nur auf der anderen Seite.

Impact

Heute entscheiden Beschäftigte bei kurzen Infekten selbst, wann sie zurückkommen, im Schnitt nach zwei Tagen. Mit der Pflicht ab Tag 1 entscheidet die Praxis, und Praxen schreiben erfahrungsgemäß gleich mehrere Tage krank, schon um einen zweiten Besuch zu vermeiden; das DIW rechnet deshalb eher mit mehr als mit weniger Fehltagen [4], der Hausärzteverband hält eine Senkung der Krankheitstage für eine „Illusion“ [3]. Von zentral 22 Millionen Kurzepisoden unter der Pflicht erreichen rund 20,4 Millionen die Praxis. Angesetzt ist, dass jede zehnte von ihnen um einen Tag länger dauert, als die Person von sich aus geblieben wäre (Spanne: 5 bis 20 % der Episoden, ein halber bis zwei Tage). Das ergibt rund zwei Millionen zusätzliche Fehltage im Jahr, gut ein Prozent des Krankenstands von 14,8 Tagen je Arbeitnehmer [11]. An einem solchen Tag hätte die Person nach eigener Einschätzung wieder gearbeitet, meist noch nicht mit voller Kraft: angesetzt sind 80 % der normalen Leistung (Spanne: 60 bis 100 %), 288 von 360 Euro Arbeitskosten je Tag [10]. Das sind rund 586 Millionen Euro entgangene Produktion im Jahr, 5,9 Punkte auf der Karte (Spanne: 2,9 bis 11,7), mehr als die 5,3 Punkte, die die Abschreckung im Pro-Argument einbringt. Das schwedische Experiment zeigt den Mechanismus in der Gegenrichtung: Wo die Attestpflicht später greift, dauern die Episoden 6,6 % länger [6]; hier greift sie früher, aber an einer Stelle, an der der Arzt bisher gar nicht entschied. Der Impact ist mittel: eine kleine Verlängerung je Episode, auf sehr viele Episoden angewandt.

▸ Rechenweg anzeigen ▾ Rechenweg ausblenden
22 Mio Episoden
Kurzepisoden unter der Pflicht (Spanne 12–35 Mio)
× 92,5 % 7,5 % unterbleiben nach pro-1
20,35 Mio Episoden
Episoden, die die Praxis erreichen
× 10 % Setzung, Spanne 5–20 %: Praxen schreiben erfahrungsgemäß mehrere Tage krank (DIW, Hausärzteverband)
2,04 Mio Episoden
davon länger bescheinigt als selbst gemeldet
× 1 Tag je Episode Setzung, Spanne 0,5–2 Tage
2,04 Mio Tage
zusätzliche Fehltage
× 360 € je Tag × 0,8 8 Stunden Arbeitskosten von 45 €; am zusätzlich bescheinigten Tag hätte die Person mit etwa 80 % Leistung gearbeitet (Setzung, Spanne 60–100 %); Unternehmen, der Euro zählt mit 1
586 Mio €
entgangene Produktion im Jahr (Spanne 290–1.170)
÷ 100 Mio € je Punkt Maßstab dieser Seite
5,86
Normalised Impact
Score 5,86 Impact × 5 Wert × 4 Plausibilität ÷ 10 = 12 von 100

Plausibilität

Der Weg ist benannt: Die Pflicht schickt die Episode in die Praxis, und die Praxis legt die Dauer fest [3]. Gemessen wird gegen die geltende Regel, unter der die Person selbst zurückkehrt, sobald sie sich gesund fühlt. Wie viel länger eine ärztlich bescheinigte Kurzepisode dauert als eine selbst gemeldete, hat für Deutschland niemand vermessen. Die Quote von zehn Prozent und der eine Tag sind Setzungen, und an ihnen hängt die Menge. Dafür spricht die übereinstimmende Erwartung von DIW und Hausärzteverband [3][4] und die Praxisroutine, Bescheinigungen für mehrere Tage auszustellen; das schwedische Experiment stützt die Richtung, dass die Attestregel die Dauer bewegt [6]. Ausbleiben würde der Effekt, wenn die Praxis auf Wunsch der Patientin nur den einen Tag bescheinigt; das steckt in der Untergrenze der Spanne. Eine Wirkung in umgekehrter Richtung ist ausgeschlossen. Eine Verlängerung in der angesetzten Größe tritt in etwa vier von zehn vergleichbaren Fällen ein. Die Plausibilität ist niedrig bis mittel: Richtung und Mechanismus sind gestützt, die Größe ist gesetzt.

Beleglage: Plausibilität · Plausibilität höchstens 5 Nachweis der Wirkung: Mechanistisch · höchstens 6 Einordnung: Tragendes Glied bestritten · Plausibilität 3,5–4

Offen: Eine Auswertung der eAU-Daten nach Inkrafttreten (Dauer bescheinigter Kurzepisoden gegen die Selbstmeldungen in Betrieben mit Ausnahmeregel) würde die Verlängerung messen und P auf 6 bis 7 heben.

Mehr Ansteckung durch Kranke am Arbeitsplatz und im Wartezimmer

2,6Punkte

Die Hürde drückt kranke Menschen an den Arbeitsplatz und in volle Wartezimmer; beides verbreitet Infekte. Angesetzt sind rund 400.000 zusätzliche Erkrankungen im Jahr, zusammen etwa 1.600 verlorene gesunde Lebensjahre. Der Ansteckungsmechanismus ist durch US-Reformdaten belegt, seine Größe hier aber gesetzt.

Wert 9 · GesundheitImpact 0,6Plausibilität 4,5
▸ Begründung & Quellen anzeigen ▾ Begründung & Quellen ausblenden

Wert

Betroffen sind drei Gruppen: die krank Arbeitenden selbst, deren Genesung sich verzögern kann, ihre Kolleginnen und Kollegen, die sich anstecken, und Praxispatienten, darunter Ältere und Menschen mit geschwächtem Immunsystem. Die Wartezimmer-Konstellation trifft gerade jene, die den Kontakt am wenigsten vermeiden können, weil sie ernsthaft krank sind. Es geht überwiegend um milde Infekte, im Einzelfall aber um Menschen, für die eine Grippe gefährlich wird. Gesundheitsfolgen wiegen in der Bewertung schwerer als gleich große Geld- oder Zeitposten. Zugleich geht es hier überwiegend um kurze, überschaubare Erkrankungen und nicht um die Gesundheit eines Menschen im Ganzen; die seltenen ernsten Verläufe tragen das Gewicht allein. Der Wert ist hoch, aber nicht am obersten Rand: Die Folgen liegen auf der Gesundheit, überwiegend jedoch in milder, vorübergehender Form.

Impact

Zwei Wege führen von der Attestpflicht zu mehr Ansteckung. Erstens gehen Beschäftigte, die den Praxisbesuch scheuen, mit leichten Infekten zur Arbeit; genau die Episoden, die das Pro-Argument als vermiedene Fehltage verbucht, finden dann hustend im Büro statt, zentral 1,5 Millionen Episoden im Jahr. Angesetzt sind 0,2 Ansteckungen je präsenter Episode (Spanne: 0,05 bis 0,5), rund 300.000 Sekundärfälle unter Kolleginnen und Kollegen; als US-Städte und -Staaten bezahlte Krankentage einführten, sank die Grippe-Rate der Bevölkerung um rund 5 %; das belegt den Weg, nicht die Zahl [8]. Zweitens sitzen die gut 20 Millionen zusätzlich in die Praxis Geschickten in Wartezimmern neben Älteren und chronisch Kranken [2][3]; angesetzt ist eine Ansteckung je 200 Kontakte (Spanne: 1 je 1.000 bis 1 je 50), rund 100.000 Fälle. Zusammen sind das zentral 400.000 zusätzliche Erkrankungen im Jahr (Spanne: 160.000 bis 1,1 Millionen). Je Fall entstehen einige Tage Krankheit, überwiegend mild, im Einzelfall schwer, etwa bei Älteren im Wartezimmer; angesetzt sind 0,004 gesunde Lebensjahre je Fall, anderthalb gesunde Tage einschließlich der seltenen schweren Verläufe (Spanne: 0,002 bis 0,01): rund 1.600 Lebensjahre im Jahr, 0,64 Punkte auf der Karte (Spanne: 0,2 bis 2,4). Das ist knapp ein Viertel des Impacts der Wartezeit, die dieselben Kontakte die Erkrankten kosten; mit Wert und Plausibilität gewichtet wiegt es rund ein Sechstel. Die Fehltage der angesteckten Kollegen sind im Pro-Argument als Abzug verrechnet; hier zählt nur die Krankheitslast selbst. Der DGB warnt zusätzlich vor chronischen Folgen, wenn Auskurieren regelmäßig unterbleibt [4]; dieser Kanal steckt in der Obergrenze der Spanne. Der Impact ist klein, weil die einzelnen Erkrankungen meist mild verlaufen; er liegt aber auf der Gesundheit, nicht beim Geld.

▸ Rechenweg anzeigen ▾ Rechenweg ausblenden
Kurzepisoden, die künftig am Arbeitsplatz stattfinden [2][6] aus pro-1: 2,97 Mio Tage ÷ 2 Tage je Episode 1,49 Mio Episoden
× Sekundärfälle unter Kolleginnen und Kollegen Setzung, Spanne 0,05–0,5: Anwesenheitsdruck verbreitet Infekte — der Weg ist durch US-Reformdaten belegt (Grippe-Rate −5 %), die Zahl nicht [8] 0,2 je Episode 0,3 Mio Fälle
+ Ansteckungen im Wartezimmer Setzung, Spanne 0,1–2 %: Infektiöse neben Älteren und chronisch Kranken, nirgends vermessen [2][3] 20,35 Mio Kontakte × 0,5 % 0,1 Mio Fälle
= Zusätzliche Erkrankungen im Jahr (Spanne 0,16–1,1 Mio) 0,4 Mio Fälle
× Verlorene gesunde Lebensjahre Setzung, Spanne 0,002–0,01: anderthalb gesunde Tage je Fall, einschließlich seltener schwerer Verläufe bei Älteren 0,004 Lebensjahre je Fall 1.600 Lebensjahre
× Gesundheitslast im Jahr (Spanne 20–240) Lebensjahr-Anker 40.000 € je Lebensjahr 64 Mio €
÷ Normalised Impact Maßstab dieser Seite 100 Mio € je Punkt 0,64
Score 0,64 Impact × 9 Wert × 4,5 Plausibilität ÷ 10 = 2,6 von 100

Plausibilität

Dass Anwesenheitsdruck Infektionen verbreitet, ist empirisch gut gestützt. Als US-Städte und -Bundesstaaten bezahlte Krankentage einführten, sank die Grippe-Erkrankungsrate der Bevölkerung um rund 5 %: Beschäftigte, die zu Hause bleiben konnten, steckten weniger Kollegen an [8]. Gemessen wird dort gegen Städte und Staaten ohne die Reform. Die Studie vergleicht vor und nach der gestaffelten Einführung (Pichler/Ziebarth 2017), die auch deutsche Änderungen der Lohnfortzahlung heranzieht [8]. Verfälschen könnten das Ergebnis regionale Grippewellen, die zufällig mit einer Einführung zusammenfallen; die Staffelung über viele Orte und Jahre fängt sie auf. Liefe es umgekehrt, beschlössen also Orte mit hoher Grippelast die Reform, spräche das gegen die gefundene Richtung, nicht dafür. Offen ist die Übertragung: Hier wird nicht die Bezahlung verändert, sondern eine Attesthürde eingeführt; wie viele Menschen deshalb krank arbeiten gehen, hängt an derselben unsicheren Verhaltensfrage wie das Pro-Argument. Der Wartezimmer-Kanal wird von Ärzten, Kassen und Sozialverband gleichlautend benannt [2][3], ist aber nirgends vermessen. Die Ansteckungen je präsenter Episode und je Praxiskontakt, an denen die Menge hängt, sind gesetzt, nicht gedeckt. Eine Zusatzlast in der angesetzten Größe tritt etwas seltener als in jedem zweiten vergleichbaren Fall ein. Die Plausibilität ist mittel: Der Ansteckungsmechanismus ist belegt, seine Größe in dieser besonderen Konstellation nicht.

Beleglage: Studie · Plausibilität höchstens 5,5 Nachweis der Wirkung: Quasi-experimentell · höchstens 8 Einordnung: Deckungslücke · Plausibilität 4,5

Offen: Eine Auswertung von Kassendaten nach Inkrafttreten (Infekt-Diagnosen bei Beschäftigten und ihren Betriebskollegen gegen Betriebe mit Ausnahmeregel) würde die Sekundärrate decken und P auf 6 bis 7 heben.

Lohnausfall ohne Bescheinigung

2,3Punkte

Wer krank ist, aber keine Bescheinigung beibringt, verliert den Anspruch auf Lohnfortzahlung für den Tag. Angesetzt ist das für jeden zehnten der unterbleibenden Fehltage, rund 330.000 Tage und 119 Millionen Euro im Jahr, die von den Beschäftigten und den Sozialkassen zu den Betrieben wandern. Die Ersparnis der Betriebe steht als eigenes Pro-Argument; weil der Euro bei den Betroffenen etwas schwerer wiegt, bleibt unter dem Strich ein Verlust.

Wert 5 · HaushaltsbudgetImpact 1,3Plausibilität 3,5
▸ Begründung & Quellen anzeigen ▾ Begründung & Quellen ausblenden

Wert

Den Ausfall tragen Beschäftigte, die krank sind und trotzdem keine Bescheinigung vorlegen, weil sie am ersten Tag keinen Termin bekommen, den Weg scheuen oder für einen Tag Magen-Darm nicht in die Praxis wollen. Für sie fehlt ein Tageslohn, im Mittel rund 215 Euro netto; das trifft eher Beschäftigte in einfachen Tätigkeiten und ohne betriebliche Ausnahmeregel, deren Budgets knapper sind; ihr Euro zählt hier mit 1,2 gegenüber 1 beim Betrieb. Den anderen Teil des Tagessatzes verlieren Sozialkassen und Fiskus, denen Beiträge und Lohnsteuer entgehen. Es geht um Geld in normaler Verwendung, nicht um Existenz oder Gesundheit; die Beträge je Person sind spürbar, aber einmalig. Der Wert ist mittel: ein Geldverlust privater Haushalte und öffentlicher Kassen, verteilungsgewichtet, ohne Eingriff in höherrangige Güter.

Impact

Ohne Bescheinigung darf der Arbeitgeber die Lohnfortzahlung verweigern, bis der Nachweis vorliegt [13]. Heute betrifft das kurze Erkrankungen nicht, weil die Meldung genügt; mit der Pflicht ab Tag 1 gilt es vom ersten Tag an [3]. Von den zentral 1,65 Millionen Kurzepisoden, die unter der Hürde unterbleiben, entfällt der größere Teil auf Beschäftigte, die durcharbeiten; angesetzt ist, dass jede zehnte stattdessen ohne Bescheinigung zu Hause bleibt (Spanne: 0 bis 30 %). Das sind 165.000 Episoden zu je zwei Tagen, rund 330.000 Tage im Jahr. Für jeden dieser Tage entfallen 360 Euro Arbeitskosten [10]: 119 Millionen Euro, die die Betriebe sparen und die auf der Pro-Seite als eigenes Argument gutgeschrieben sind. Rund 60 % davon sind Nettolohn der Beschäftigten, 71 Millionen Euro; ihr Euro zählt mit 1,2, weil die Betroffenen häufiger in den unteren Einkommensfünfteln stehen (Spanne: 1,0 bis 1,5). Die übrigen 40 %, 48 Millionen Euro, sind Beiträge und Lohnsteuer, die den Sozialkassen und dem Fiskus fehlen. Gewichtet stehen 133 Millionen Euro Verlust gegen 119 Millionen Euro Ersparnis der Betriebe (Spanne des Gewichts: 119 bis 155 Millionen); netto verliert der Transfer rund 14 Millionen Euro im Jahr. Die Zahl der Tage ist mit dem Pro-Argument geteilt; ihre Unsicherheit von null bis 30 % der unterbleibenden Episoden bewegt beide Seiten gemeinsam. Wer statt des Lohnabzugs einen Urlaubstag einsetzt, verliert einen freien Tag statt Geld; das ist in der Rechnung gleichgestellt. Der Impact ist klein: ein Tageslohn je Fall, für einige hunderttausend Fälle im Jahr, und der größte Teil fließt nur von einer Tasche in die andere.

▸ Rechenweg anzeigen ▾ Rechenweg ausblenden
Kurzepisoden, die unter der Hürde unterbleiben [2][6] aus pro-1: 22 Mio × 7,5 % 1,65 Mio Episoden
× davon zu Hause ohne Bescheinigung Setzung, Spanne 0–30 %: Lohnabzug statt Praxisgang oder Durcharbeiten — geteilte Menge mit pro-2 [13] 10 % 0,17 Mio Episoden
× Tage ohne Lohnfortzahlung Setzung, Spanne 1–3 Tage, wie in pro-1 2 Tage je Episode 0,33 Mio Tage
× entfallene Lohnfortzahlung 8 Stunden Arbeitskosten von 45 € — die Ersparnis der Betriebe steht in pro-2 [10] 360 € je Tag 119 Mio €
× Nettolohn der Beschäftigten, gewichtet Setzung: Nettolohnanteil 55–65 %; ihr Euro zählt mit 1,2 (Spanne 1,0–1,5), weil die Betroffenen häufiger in den unteren Fünfteln stehen 60 % × 1,2 85 Mio €
+ Beiträge und Lohnsteuer, die Kassen und Fiskus fehlen Sozialkassen und Staat, der Euro zählt mit 1 119 Mio € × 40 % × 1 48 Mio €
= Gewichteter Verlust im Jahr (Spanne 119–155) 133 Mio €
÷ Normalised Impact Maßstab dieser Seite 100 Mio € je Punkt 1,33
Score 1,33 Impact × 5 Wert × 3,5 Plausibilität ÷ 10 = 2,3 von 100

Plausibilität

Der Rechtsmechanismus ist eindeutig: Ohne Nachweis kann der Arbeitgeber die Zahlung zurückhalten [13], und die Pflicht ab Tag 1 verschiebt den Nachweis an den Anfang der Erkrankung [1][3]. Gemessen wird gegen die geltende Regel, unter der die Meldung für drei Tage genügt. Wie viele Beschäftigte den Lohnabzug in Kauf nehmen, statt in die Praxis zu gehen oder durchzuarbeiten, hat niemand vermessen. Die Quote von zehn Prozent ist eine Setzung; an ihr hängt die Menge der Kette. Nach unten drückt die Quote die rückwirkende Bescheinigung: Die Praxis darf in begründeten Ausnahmefällen um wenige Tage zurückdatieren, dann entfällt der Abzug. Dass Ursache und Wirkung vertauscht sind, ist hier nicht möglich. Dass die Kette anläuft, ist plausibel; dass sie in dieser Größe anläuft, trifft in gut jedem dritten vergleichbaren Fall zu. Die Plausibilität ist niedrig: Der Rechtsweg steht, die Zahl der Fälle ist eine Setzung ohne Träger.

Beleglage: Plausibilität · Plausibilität höchstens 5 Nachweis der Wirkung: Mechanistisch · höchstens 6 Einordnung: Kette offen · Plausibilität 3–3,5

Offen: Eine Auswertung von Entgeltabrechnungen (Tage ohne Lohnfortzahlung vor und nach Inkrafttreten) würde die Quote belegen und P auf 6 heben.

Generalverdacht gegen Beschäftigte

0,99Punkte

Grüne, Linke und AfD sahen in der Pflicht einen Generalverdacht gegen alle Beschäftigten; in der Aktuellen Stunde war das ihr Hauptargument. Gerechnet ist mit den rund 18,2 Millionen Beschäftigten unter der Pflicht, die sie ablehnen, und einer kleinen, gesetzten Einbuße an Vertrauen je Kopf. Gemessen hat den Schaden niemand.

Wert 6 · SystemvertrauenImpact 0,6Plausibilität 3
▸ Begründung & Quellen anzeigen ▾ Begründung & Quellen ausblenden

Wert

Den Einwand trugen Grüne, Linke und AfD in der Aktuellen Stunde vom 10. Juli 2026 als Hauptargument vor: Die Pflicht stelle alle Beschäftigten unter Generalverdacht [14]. Getroffen sind dabei nicht die Kranken in ihrer Zeit, die steht in einem eigenen Argument, sondern alle, die künftig für jeden einzelnen Krankheitstag einen Nachweis schulden. Bisher verlangt der Arbeitgeber die Bescheinigung vor dem vierten Tag nur im Einzelfall [3][13]; künftig gilt die Nachweispflicht für alle unter der Regel. Bepreist ist das Vertrauen der Beschäftigten, dass Staat und Arbeitgeber ihre eigene Auskunft über ihre Gesundheit gelten lassen, und ihre Zustimmung zu einer Regel, die sie selbst trifft. Es wiegt mehr als ein gewöhnlicher Geldbetrag, weil eine Regel, die eine große Gruppe als Misstrauen liest, ihre Annahme und das Verhältnis am Arbeitsplatz belasten kann. Es wiegt weniger als ein Eingriff in ein Grundrecht: Niemand verliert einen Anspruch, der Lohn wird mit Bescheinigung weiter gezahlt, und Arbeitgeber dürfen den Nachweis schon heute ab dem ersten Tag verlangen [13]. Der Wert ist mittel: Es geht um Vertrauen und Zustimmung, nicht um einen Eingriff in ein Recht.

Impact

Ohne die Änderung genügt bis zum dritten Tag die Meldung, und eine frühere Bescheinigung verlangt der Arbeitgeber nur im Einzelfall [3][13]. Mit ihr schuldet jede beschäftigte Person unter der Pflicht für jeden Krankheitstag den ärztlichen Nachweis. 2025 gab es in Deutschland 42,2 Millionen Arbeitnehmer [16]; nach den angekündigten Ausnahmen für Betriebe und Tarifverträge fallen nach demselben Ansatz wie bei Praxen und Wartezeit 73 Prozent unter die Pflicht, rund 30,8 Millionen [3][4]. Getroffen ist, wer die Pflicht als Misstrauen liest: In einer YouGov-Umfrage unter 6.200 Erwachsenen lehnten 59 Prozent die Attestpflicht ab dem ersten Tag ab [4]; auf die Beschäftigten unter der Pflicht übertragen sind das rund 18,2 Millionen Menschen. Die Einbuße je Kopf ist eine Setzung ohne Studie: so bewertet, als kostete der Vorgang jeden von ihnen eine knappe halbe Stunde Lebenszeit im Jahr (Spanne: neun Minuten bis anderthalb Stunden). Der Ansatz folgt dem für das Missfallen an einer Regel in anderen Debatten, etwa beim Wahlalter 16, obwohl die Regel hier die Betroffenen selbst trifft. Auf der Karte sind das 0,55 Punkte (Spanne: 0,18 bis 1,8). Die Zeit für den Praxisbesuch und der Lohnausfall ohne Bescheinigung stehen in eigenen Argumenten und sind hier nicht enthalten. Der Impact ist klein: sehr viele Betroffene, aber eine kleine, gesetzte Einbuße je Kopf.

▸ Rechenweg anzeigen ▾ Rechenweg ausblenden
42,2 Mio Personen
Arbeitnehmer in Deutschland 2025
× 73 % Setzung: betriebliche und tarifliche Ausnahmen, dieselbe Zahl wie in con-1 und con-3
30,8 Mio Personen
unter der Pflicht nach Ausnahmen
× 59 % YouGov unter 6.200 Erwachsenen, auf Beschäftigte übertragen
18,2 Mio Personen
davon, wer die Pflicht ablehnt
[4]
× 3 € je Person und Jahr Setzung ohne Studie, Spanne 1–10 €: so bewertet wie eine knappe halbe Stunde Lebenszeit (26 Minuten zu 6,85 €); Ansatz wie beim Missfallen an einer Regel (wahlalter-16-bund con-1)
54,5 Mio €
Einbuße an Vertrauen im Jahr (Spanne 18–182)
÷ 100 Mio € je Punkt Maßstab dieser Seite
0,55
Normalised Impact
Score 0,55 Impact × 6 Wert × 3 Plausibilität ÷ 10 = 1,0 von 100

Plausibilität

Dass alle Beschäftigten unter der Pflicht künftig einen Nachweis schulden, ist Rechtsfolge der Regel [1][13]. Strittig ist, ob daraus ein Schaden wird, ob Beschäftigte die Pflicht also als Misstrauen erleben und ihr Vertrauen in Staat und Arbeitgeber leidet. Gemessen hat das niemand: Kontrafaktum wäre eine Belegschaft unter der geltenden Regel, und keine Erhebung vergleicht Vertrauen oder Zufriedenheit vor und nach einer Attestpflicht; das Design ist unbestimmt. Die Umfrage misst Ablehnung, nicht die Einbuße; sie ist die Grundlage der Menge, kein Beleg für den Schaden [4]. Die eine Störgröße ist die allgemeine Haltung zur Koalition, die eine Ablehnung auch ohne eigenes Erleben trägt. Eine Umkehr der Richtung scheidet aus, weil die Regel vor der Ablehnung kam; offen bleibt der Gegenmechanismus, dass Beschäftigte, die Kollegen für unfair halten, die Regel als gerecht lesen, wie es die Union in der Aktuellen Stunde vortrug [14], und 31 Prozent begrüßten sie [4]. Dieses Argument trifft in etwa drei von zehn vergleichbaren Fällen in dieser Höhe zu. Die Plausibilität ist niedrig: Die Kette ist benannt, den Schaden selbst hat niemand gemessen.

Beleglage: Plausibilität · Plausibilität höchstens 5 Nachweis der Wirkung: Unbestimmt · höchstens 5 Einordnung: Kette offen · Plausibilität 3–3,5

Offen: Eine Beschäftigtenbefragung vor und nach Inkrafttreten (Vertrauen in den Arbeitgeber, Arbeitszufriedenheit) gegen Betriebe mit Ausnahmeregel würde den Schaden messen und P auf 4 bis 5 heben.

Wie belastbar das Ergebnis ist

Unter den angesetzten Annahmen bringt der Vorschlag in weniger als einer von 100 Modellrechnungen mehr, als er kostet.

bringt mehr, als er kostetkostet mehr, als er bringt

Jeder Punkt steht für 200 der 20.000 Modellrechnungen.

Zwei Setzungen können in beide Richtungen aufgehen. Der Anteil der kurzen Krankmeldungen, die unter der Hürde unterbleiben, ist mit 7,5 Prozent angesetzt; er trägt den Gewinn der Betriebe, die ersparte Lohnfortzahlung und den Lohnausfall gemeinsam. So liegt die Pflicht in praktisch keinem Durchlauf vorn; bei 2 Prozent bliebe es dabei, bei 20 Prozent wären es knapp zwei von zehn, und sie bliebe wahrscheinlich schlechter. Die Verlängerung durch die Praxis, jede zehnte Episode um einen Tag, ist die zweite: Ohne sie läge die Pflicht in vier von hundert Durchläufen vorn, mit jeder fünften Episode in praktisch keinem. Die Zahl der Episoden unter der Pflicht bewegt die Wahrscheinlichkeit nicht, weil sie beide Seiten gemeinsam trägt. Bei 12 wie bei 35 Millionen bleibt es bei praktisch keinem Durchlauf; bei 35 Millionen wüchse nur der Effekt von mittel auf groß. Die ärztliche Stunde zählt mit 95 Euro, dem Überschuss einer Praxis je Inhaberstunde; mit 70 oder 150 Euro und bei einer statt zwei Stunden je Besuch bliebe die Pflicht sehr wahrscheinlich schlechter, der Effekt mittel.

Verteilung der Modellrechnungen ansehen

20.000 durchgerechnete Zukünfte

Sehr wahrscheinlich schlechter · 0 %

In weniger als einer von 100 durchgerechneten Zukünften bringt der Vorschlag mehr, als er kostet.

Keine Wirkung ist genau bekannt, jedes Argument hat eine Spanne. Die Rechnung zieht 20.000-mal für jedes Argument eine mögliche Größe aus seiner Spanne und zählt, wie oft der Nutzen die Kosten übersteigt.

Nettoeffekt in Punkten je Zukunft. Links der Null überwiegen die Nachteile, rechts der Nutzen. Acht von zehn Zukünften liegen zwischen −56 und −14 Punkten.
Maßstab und Auswertung

Maßstab dieser Bewertung: Normalised Impact — einheitslos, auf dieses Thema kalibriert. Zum Vergleich: 1 Punkt entspricht hier rund 100 Mio. € pro Jahr.

Größenklasse:klein

Effekt mittel (−3,3) · 20 % der Wirkung positiv

Die Flächen zeigen die einzelnen Argumentgewichte. Der positive Wirkungsanteil verrechnet Geldverschiebungen zwischen beiden Seiten; die Wahrscheinlichkeit eines positiven Nettoeffekts wird gesondert bestimmt.

Wie wir bewerten →

Prüfung und Quellen

Zuletzt geprüft von Claude Opus 5.5 · 29. Oktober 2026 · 14× KI, 1× Mensch
  1. 29. Oktober 2026KI-PrüfungClaude Opus 5.5neu bewertet

    Generalverdacht gegen Beschäftigte aus der Aktuellen Stunde (Plenarprotokoll 21/90) als eigenes Argument con-6 nach ordnungsgut/1.0 aufgenommen, Kopfwert als Setzung mit Spanne, Kategorie unverändert.

  2. 29. Oktober 2026KI-PrüfungClaude Opus 5.5Record aktualisiert

    Plenarprotokoll 21/90 und Drs. 21/7697 ergänzt, Beschlussdatum 1. Juli und Aktuelle Stunde im Stand nachgezogen, Gedankenstriche und Fachwörter aufgelöst, con-2-Vergleich an den Score angeglichen.

  3. 28. Oktober 2026KI-PrüfungClaude Opus 5.5Record aktualisiert

    Seitentexte für den neuen Seitenaufbau (Entwurf G) mit Zitaten aus Primärquellen; keine Zahl geändert.

  4. 21. Oktober 2026KI-PrüfungClaude Fable 5.1Record aktualisiert

    Argument-Zusammenfassungen ohne Gedankenstrich-Einschübe nach Schreibstil vom 20.10.2026; Zahlen unverändert

  5. 20. Oktober 2026KI-PrüfungClaude Fable 5.1Record aktualisiert

    Summary und Maßstab-Hinweis nach Schreibstil vom 20.10.2026 neu geschrieben; Zahlen unverändert

  6. 17. Oktober 2026KI-PrüfungGPT-6keine Änderung nötig

    Größenestimate geprüft, weiterhin offen: Weniger Kurzabsenzen, längere Atteste und zusätzliche Ansteckungen sind modelliert. Alle Krankheitstage als vermeidbaren Bedarf zu zählen wäre sachlich falsch. Keine Prozentzahl aus fehlender Mengenbrücke erzeugt; Bewertungsparameter und Bilanz unverändert.

  7. 16. Oktober 2026KI-PrüfungGPT-6keine Änderung nötig

    Bedarfsabgleich v4: Weniger Fehltage sind nicht gesichert; zusätzliche Praxisbesuche und längere Krankschreibungen können den Effekt umkehren. Nur vorhandenes Wirkungsmodell auf Reichweite, Bedarfsmaßstab und Zeitraum geprüft; keine neue Wirksamkeitsbewertung oder Änderung der Parameter.

  8. 16. Oktober 2026KI-PrüfungClaude Opus 5.5Record aktualisiert

    Gekappte Spanne der Ansteckungslast aus Fallzahl und Krankheitslast je Fall in Quadratur neu hergeleitet.

  9. 16. Oktober 2026KI-PrüfungClaude Opus 5.5Record aktualisiert

    Texte auf Bilanz 2.2 nachgezogen

  10. 14. September 2026KI-PrüfungClaude Opus 5neu bewertet

    Gesamtprüfung 08.09.: Leistungsabschlag nur auf krank erbrachte Arbeit (pro-1 i 0,264 → 0,534), Praxis-Verlängerung als con-5 (0,586), Lohnfortzahlung als Paar pro-2/con-4, Praxiskontakte 22 → 20,35 Mio, 7,5 % als Setzung; r 0,13 → 0,22.

  11. 6. September 2026KI-PrüfungClaude Opus 5Record aktualisiert

    i_spanne an allen 5 Argumenten; pro-1 hat ein offenes Vorzeichen (netto −6 bis +12 Mio Anwesenheitstage), gesetzt als 0 bis 2×i, damit der Mittelwert ehrlich bleibt; massstab_hinweis ohne r. Kategorie bleibt Deutlich schlechter (P(D>0) 0,03).

  12. 5. September 2026KI-PrüfungClaude Fable 5.1neu bewertet

    con-1 nach Julians Entscheidung auf den neuen Anker Arztstunde umgestellt: ärztliche 10 min je Kontakt zu 95 €/h (Praxisüberschuss je Inhaberstunde), Empfang zu 36 €/h; I 0,26→0,48, Score 0,79→1,44, r 0,15→0,13; Rangfolge unverändert (con-3 vor con-1), massstab_hinweis mit Anker-Spanne 70/150 € nachgezogen.

  13. 5. September 2026KI-PrüfungClaude Fable 5.1neu bewertet

    Rechenweg, Verdrahtung und Identifikation an allen 5 Argumenten; Patientenzeit als Lebenszeit (con-3 V 4→9, jetzt schwerster Posten), Arztzeit als Dienstzeit 36 €/h (con-1 I 0,72→0,26), neues con-4 Lohnausfall ohne Bescheinigung als Gegenbein zur ersparten Lohnfortzahlung in pro-1; r 0,18→0,15. Offen: Stundensatz der Arztzeit.

  14. 13. Juli 2026Von Menschen bewertet, von KI umgesetztClaude Opus 4.8Erstbewertung

Bewertungen entstehen KI-gestützt und werden turnusmäßig auf neue Entwicklungen geprüft; menschliche Durchgänge sind eigens ausgewiesen.Wie wir prüfen →

Alle 16 Quellen anzeigenQuellen einklappen
  1. Bundesregierung: Ein Programm für Aufschwung und Beschäftigung — Beschluss des Koalitionsausschusses vom 2. Juli 2026 (Ziffer 11). bundesregierung.de
  2. Deutsches Ärzteblatt: Attest ab dem ersten Tag: Vertragsärzte rechnen mit 30 Millionen zusätzlichen Arztbesuchen (03.07.2026). aerzteblatt.de
  3. Apotheken Umschau: Regierung will Krankschreibung ab dem ersten Tag – und kein Attest per Telefon (02.07.2026). apotheken-umschau.de
  4. ZDFheute: DIW: Neue Krankschreibe-Regeln könnten Fehlzeiten erhöhen (04.07.2026). zdfheute.de
  5. IW Köln (Pimpertz): IW-Kurzbericht 75/2025: Entgeltfortzahlung bei Krankheit kostet 82 Milliarden Euro. iwkoeln.de
  6. IFAU (Hesselius/Johansson/Larsson): Monitoring sickness insurance claimants: evidence from a social experiment (Working Paper 2005:15). swopec.hhs.se
  7. Cochrane Database of Systematic Reviews: Self-certification versus physician certification of sick leave for reducing sickness absence and associated costs. pmc.ncbi.nlm.nih.gov
  8. Pichler/Ziebarth: The Pros and Cons of Sick Pay Schemes: Testing for Contagious Presenteeism and Noncontagious Absenteeism Behavior (J. Public Economics 2017; NBER w22530). nber.org
  9. Zi (Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung): Zi-Praxis-Panel, Jahresbericht 2023 (Jahresüberschuss je Praxisinhaber 2022: 190.400 €). zi.de
  10. Destatis: PM Nr. 148: Arbeitskosten je geleistete Arbeitsstunde 2025 (45,00 €, EU-Vergleich). destatis.de
  11. Destatis: Indikator Krankenstand (IAB-Arbeitszeitrechnung): 14,8 AU-Tage je Arbeitnehmer 2024. destatis.de
  12. IFAU (Yakymovych): Medical certificates and sickness absence: who stays away from work if monitoring is relaxed? (Working Paper 2024:19). ifau.se
  13. Gesetze im Internet: Entgeltfortzahlungsgesetz § 7 Leistungsverweigerungsrecht des Arbeitgebers (mit § 5 Anzeige- und Nachweispflichten: Bescheinigung ab dem vierten Kalendertag). gesetze-im-internet.de
  14. Deutscher Bundestag: Plenarprotokoll 21/90 vom 10. Juli 2026, Zusatzpunkt 22: Aktuelle Stunde auf Verlangen der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN „Angekündigte Verschärfungen bei Krankschreibungen – Mehr Gesundheitsschutz, kein Misstrauen“ (S. 11223 ff.). dserver.bundestag.de
  15. Deutscher Bundestag: Drucksache 21/7697 vom 24. August 2026: Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage 21/7226 (Maßnahmenbündel des Koalitionsausschusses vom 1. Juli 2026). dserver.bundestag.de
  16. Destatis: Arbeitnehmer nach Wirtschaftsbereichen (Inlandskonzept): 42,214 Mio Arbeitnehmer 2025. destatis.de

Weitere Debatten im Bereich

Alle Debatten im Bereich Wirtschaft & Arbeit →

Score-Einschätzung abgeben

Argument
Aktueller Score: –
Value – Impact – Plausibilität –
deutlich
niedriger
etwas
niedriger
passtetwas
höher
deutlich
höher
passt so

↔ Regler bewegen: Die Begründungen passen sich der Einschätzung an.

Community-Ergebnis
Häufigste Begründungen