Weniger kurze Fehlzeiten durch die Attesthürde
Die Attesthürde soll kurze Krankmeldungen verhindern, die ohne Arztbesuch leichter fallen. Angesetzt sind 1,65 Millionen Episoden im Jahr, die unterbleiben: knapp drei Millionen Tage, an denen erkältet weitergearbeitet wird, mit rund 60 % der normalen Leistung, abzüglich der Fehltage angesteckter Kolleginnen und Kollegen. Das ergibt 5,3 Punkte auf der Karte. Ob die Hürde in dieser Größe wirkt, ist die offenste Frage der Rechnung; was die Praxen an zusätzlichen Krankschreibungstagen dagegensetzen, steht als eigenes Gegenargument.
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Wert
Der Nutzen käme den Arbeitgebern zugute: Sie zahlen bei Krankheit das Gehalt weiter, 2024 zusammen rund 82 Milliarden Euro einschließlich Sozialbeiträgen [5]. Jeder Tag, an dem statt einer Krankmeldung gearbeitet wird, bringt für die ohnehin gezahlten Arbeitskosten von 45,00 € je Stunde wieder Arbeitsleistung [10]. Über Preise, Löhne und Beiträge verteilt sich ein solcher Gewinn breit über Unternehmen und Beschäftigte. Es ist ein gewöhnlicher wirtschaftlicher Vorteil, kein Schutz von Gesundheit oder Existenz. Wer krank zur Arbeit geht, erbringt zudem nur einen Teil der normalen Leistung; dieser Abschlag ist in der Rechnung enthalten. Die Lohnfortzahlung, die die Betriebe an Tagen ohne Bescheinigung sparen, ist kein Produktionsgewinn, sondern Geld, das von den Beschäftigten kommt; sie steht als eigenes Argument. Der Wert ist mittel: Es geht um Produktionsleistung in normaler wirtschaftlicher Verwendung, nicht um höherrangige Güter.
Impact
Ohne die Maßnahme bleibt es bei der geltenden Regel: Eine ärztliche Bescheinigung ist erst nötig, wenn die Erkrankung länger als drei Kalendertage dauert [3][13]. 2024 lag der Krankenstand bei 14,8 Tagen je Arbeitnehmer [11]. Kurze Erkrankungen von ein bis drei Tagen kommen meist ohne Arztkontakt aus; die Kassenärztliche Bundesvereinigung schätzt ihre Zahl konservativ auf rund 30 Millionen Episoden pro Jahr [2]. Betriebliche und tarifliche Ausnahmen dürften ein gutes Viertel davon ausnehmen; angesetzt sind 22 Millionen Episoden unter der Pflicht (Spanne: 12 bis 35 Millionen) [3][4]. Von ihnen unterbleiben zentral 7,5 % (Spanne: 2 bis 20 %). Das ist eine Setzung, denn das schwedische Experiment hat die Zahl der Krankheitsepisoden nicht verändert, nur ihre Dauer um 6,6 % [6], und die Studien zur Selbstbescheinigung am ersten Tag widersprechen einander [7]: 1,65 Millionen Episoden zu je zwei Tagen, 3,3 Millionen Fehltage. An neun von zehn dieser Tage wird durchgearbeitet, das sind 2,97 Millionen Tage; an jedem zehnten bleibt die Person ohne Bescheinigung zu Hause, das ist ein Lohnposten und steht als eigenes Argument [13]. Ein Arbeitstag steht für 360 Euro Arbeitskosten [10]; wer erkältet am Platz sitzt, bringt davon etwa 60 % (Spanne: 40 bis 80 %), umgerechnet 1,78 Millionen voll produktive Tage. Abzuziehen sind 0,3 Millionen Fehltage angesteckter Kolleginnen und Kollegen, die dieselbe Anwesenheit verursacht: netto 1,48 Millionen Tage, 534 Millionen Euro Produktionswert im Jahr, 5,3 Punkte auf der Karte (Spanne: 3,2 bis 7,5); die Entgeltfortzahlung insgesamt kostete die Arbeitgeber 2024 rund 82 Milliarden Euro [5]. Dass die Praxen einen Teil der Kurzepisoden länger krankschreiben, als die Person von sich aus geblieben wäre, ist ein eigener Wirkungsweg mit eigener Unsicherheit; er steht als Gegenargument, nicht als Abzug in dieser Kette. Der Impact ist mittel: gut ein Prozent der Fehltage, mit vollem Vorzeichen nur dann, wenn die Hürde wirklich abschreckt.
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| Kurze Erkrankungen von ein bis drei Tagen im Jahr [2] | konservative Schätzung der KBV | 30 Mio Episoden | |
| × | Episoden unter der Pflicht (Spanne 12–35 Mio) Setzung: betriebliche und tarifliche Ausnahmen nehmen gut ein Viertel aus — dieselbe Zahl wie bei den Praxiskontakten [3][4] | 73 % | 22 Mio Episoden |
| × | Episoden, die unterbleiben Setzung, Spanne 2–20 %: das schwedische Experiment fand 6,6 % kürzere Dauer, keine Änderung der Episodenzahl; die Tag-1-Vergleiche widersprechen einander — Scharnier der Bewertung, gemeinsam mit pro-2 und con-4 [6][7] | 7,5 % | 1,65 Mio Episoden |
| × | Fehltage, die dadurch wegfallen Setzung, Spanne 1–3 Tage | 2 Tage je Episode | 3,3 Mio Tage |
| × | davon Tage, an denen durchgearbeitet wird Setzung, Spanne 70–100 %: an jedem zehnten Tag bleibt die Person ohne Bescheinigung zu Hause — Lohnposten in pro-2/con-4 [13] | 90 % | 2,97 Mio Tage |
| × | voll produktive Tage Setzung, Spanne 40–80 %: wer erkältet arbeitet, bringt etwa 60 % der normalen Leistung | 60 % | 1,78 Mio Tage |
| − | Fehltage angesteckter Kolleginnen und Kollegen aus con-2; Setzung, Spanne 0,5–2 Tage je Fall — ganze Fehltage, kein Leistungsabschlag | 0,3 Mio Sekundärfälle × 1 Tag | 1,48 Mio Tage |
| = | Produktive Tage netto im Jahr | 1,48 Mio Tage | |
| × | Produktionswert im Jahr (Spanne 320–750) 8 Stunden Arbeitskosten von 45 €; Unternehmen, der Euro zählt mit 1 [10] | 360 € je Tag | 534 Mio € |
| ÷ | Normalised Impact Maßstab dieser Seite | 100 Mio € je Punkt | 5,34 |
Plausibilität
Direkte Belege für eine Attestpflicht ab dem ersten Tag gibt es nicht; die nächste Evidenz stammt aus Schweden. Dort wurde 1988 in zwei Regionen per Zufallszuteilung die Attestpflicht vom achten auf den fünfzehnten Tag verschoben. Die Krankheitsepisoden dauerten dadurch im Schnitt 6,6 % länger, die Zahl der Episoden blieb ausdrücklich unverändert; ein Experiment von Hesselius, Johansson und Larsson (IFAU 2005) [6]. Es trägt also die Richtung (frühere Kontrolle, weniger Fehltage), nicht aber die Behauptung dieses Arguments, dass Episoden ganz unterbleiben: gemessen wurde die Fortsetzung am Tag 8, nicht der Beginn am Tag 1, in einer Sozialversicherung statt bei deutscher Lohnfortzahlung. Für den Tag-1-Rand selbst liegen nur Vorher-Nachher-Vergleiche vor, die ein Cochrane-Review als widersprüchlich und von sehr niedriger Sicherheit einstuft: In einer norwegischen Kommune stieg mit der Einführung dreitägiger Selbstbescheinigung die Zahl der Episoden je Beschäftigten um 0,48 im Jahr, anderswo änderte sich nichts [7]. Den deutschen Anstieg der Fallzahlen seit 2022 erklärt ohne jede Verhaltensänderung die elektronische Erfassung, und sie könnte jeden Vorher-Nachher-Vergleich verfälschen: Nach Auswertungen von Zi, DAK und AOK trägt sie den Anstieg, nicht laxere Kontrolle [2][3]. Dass der Zusammenhang umgekehrt läuft, ist ausgeschlossen, weil die Regel von außen gesetzt wird. Gegen die Größe spricht die deutsche Fachdebatte: Der Hausärzteverband hält eine Senkung der Krankheitstage für eine „Illusion“ [3], und die telefonische Krankschreibung, eine Lockerung in die Gegenrichtung, hat die Fallzahlen nicht messbar erhöht; ihr Anteil liegt bei 0,8 bis 1,2 % aller Bescheinigungen [4]. Ein Rückgang in der angesetzten Größe tritt in etwa vier von zehn vergleichbaren Fällen ein. Die Plausibilität bleibt niedrig bis mittel: Die Richtung ist belegt; der Schritt, an dem die Menge hängt, dass Kurzepisoden am ersten Tag wirklich unterbleiben, ist nur durch widersprüchliche Vorher-Nachher-Vergleiche gestützt.
Offen: Eine Auswertung der AU-Tage nach Inkrafttreten gegen Betriebe mit Ausnahmeregelung (Differenz-in-Differenzen über die eAU-Daten) würde P auf 6 bis 7 heben oder das Argument bei ausbleibendem Effekt streichen.