Zwei Jahre mehr Zeit, um Sprachrückstände aufzuholen
Heute wird der Sprachstand erst wenige Monate vor der Einschulung geprüft, und das bei steigenden Auffälligkeiten. Eine Erhebung im vierten Lebensjahr verschafft zwei Jahre Förderzeit. Ob diese Zeit wirkt, ist die offene Frage der gesamten Bewertung: Vier Länderevaluationen finden für zusätzliche vorschulische Sprachförderung keinen bleibenden Effekt.
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Wert
Betroffen sind die Bildungschancen von Kindern, und zwar an der Stelle, an der sich Nachteile am stärksten verfestigen. Wer mit unzureichendem Deutsch in die erste Klasse geht, verliert den Anschluss an jedes Fach, das über Sprache läuft. Es geht um mehr als eine Note. In Sachsen-Anhalt verlassen 9,3 Prozent eines Jahrgangs die Schule ohne Abschluss [5]. Bildungschancen wiegen deshalb schwerer als Geldströme oder Verwaltungsfragen: Sie entscheiden über Erwerbsbiografien und darüber, ob jemand auf Unterstützung angewiesen bleibt. Der Wert ist hoch.
Impact
Die Schuleingangsuntersuchung findet mit 66 bis 72 Lebensmonaten statt, also unmittelbar vor der Einschulung. Wer dort auffällt, beginnt die Förderung faktisch erst in der Schule. Der Bedarf wächst: 2024 zeigten 28,8 Prozent der 15.740 untersuchten Kinder Auffälligkeiten in der Artikulation und 19,5 Prozent in der Grammatik, gegenüber 21,5 und 8,4 Prozent im Jahr 2015 [6]. Je Jahrgang sind rund 15.000 Kinder zu erheben, davon etwa 3.700 mit Förderbedarf. Als Maßstab dient der Abstand zwischen einem durchschnittlichen und einem deutlich überdurchschnittlichen Kompetenzniveau. Wer diesen Abstand überbrückt, verdient in Deutschland über das Erwerbsleben rund 23,5 Prozent mehr [19]. Angesetzt ist ein Fünfzigstel davon, also knapp ein halbes Prozent höheres Lebenseinkommen. Bei rund 38.000 Euro Bruttojahresverdienst und 40 Erwerbsjahren sind das etwa 7.100 Euro je gefördertem Kind, für 3.700 Kinder rund 26 Millionen Euro je Jahrgang. Weil der Ertrag erst ab dem Erwerbseintritt anfällt, ist er auf heute abgezinst und beträgt dann rund 12,5 Millionen Euro. In jedem Jahr der Wahlperiode wird ein Jahrgang behandelt, abzüglich eines Anlaufjahrs sind das rund 11 Millionen Euro im Jahr. Der Wert ist der größte der Bewertung. Sein Band reicht dennoch bis auf null.
Plausibilität
Die Forschungslage spricht überwiegend gegen dieses Argument, und sie tut es einheitlich. Vier unabhängige Länderevaluationen finden für zusätzliche vorschulische Sprachförderung keine nachhaltige Wirkung auf spätere Schulleistung. Die brandenburgische Untersuchung ist die stärkste: Sie vergleicht 542 geförderte Kinder mit zwei Vergleichsgruppen und findet die geförderten am Ende der ersten Klasse tendenziell schwächer als eine ungeförderte Gruppe mit gleichem Förderbedarf [9]. Baden-Württemberg findet spezifische Programme dem normalen Kitaalltag nicht überlegen, Niedersachsen findet Effekte, die in den ersten beiden Klassen verschwinden, das Saarland findet keine nachhaltige Wirkung. Zwei Punkte halten das Argument dennoch im Bereich des Umstrittenen. Erstens wirkt das engere Training der phonologischen Bewusstheit klar, und zwar in einer Größenordnung von gut der Hälfte des oben genannten Abstands beim Lesen [10]. Zweitens setzt der Vorschlag zwei Jahre früher an als die evaluierten Programme. Ein dritter Punkt drückt dagegen: Der Vorschlag benennt weder Verfahren noch Träger noch Umfang der Förderung, die auf den Befund folgen soll. Die Sicherheit ist niedrig.