Weniger Verkehrstote und Schwerverletzte
Für Tempo 120 gibt es den direktesten Beleg der ganzen Debatte: Eine kausale Auswertung von 2025 findet 35 Prozent weniger tödliche und 26 Prozent weniger schwere Unfälle auf Strecken mit genau diesem Limit. Zusammen mit den beiden Standardmodellen der Verkehrsforschung sind das zentral 80 gerettete Menschenleben im Jahr (Spanne 55 bis 110) und 900 vermiedene Schwerverletzte — gut 40 Prozent mehr als bei Tempo 130.
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Wert
Auf dem Spiel stehen Menschenleben und schwere, oft lebensverändernde Verletzungen — Querschnittslähmungen, Schädel-Hirn-Traumata, Monate in Reha. Betroffen ist jeder, der Autobahnen nutzt, auch wer selbst nie schneller als 130 fährt: Bei fast der Hälfte der Getöteten auf Autobahnen war zu schnelles Fahren mindestens eines Beteiligten im Spiel [4]. Anders als beim Zeitverlust ist der Schaden hier nicht teilbar und nicht kompensierbar; die Gesellschaft gewichtet vermiedene Todesfälle deshalb höher als jede Komfortgröße. Der Effekt trifft zudem keine abgrenzbare Randgruppe, sondern verteilt sich als gesenktes Risiko über Millionen Autobahnnutzer. Der Wert ist sehr hoch: Es geht um Leben und Gesundheit, die höchste Kategorie, die eine Abwägung kennt.
Impact
2024 starben 284 Menschen auf deutschen Autobahnen, 2025 waren es 292 [4][18]. Rund 72 Prozent der Todesfälle ereignen sich auf Strecken ohne Tempolimit [5]; je gefahrenem Kilometer verzeichnen freie Abschnitte etwa 75 Prozent mehr tödliche Unfälle als limitierte [11]. Ohne die Maßnahme setzt sich der langsame Rückgang fort; auf den freien Strecken bleiben rund 200 Getötete im Jahr. Mit Tempo 120 sänke die Durchschnittsgeschwindigkeit dort von 124,1 auf 112,0 km/h — der gemessene Wert der heutigen 120er-Abschnitte [2] —, und vor allem würden die schnellsten Fahrten gekappt. Die beiden Standardmodelle der Verkehrsforschung übersetzen diesen Rückgang in 34 Prozent (Potenzmodell, vierte Potenz der Geschwindigkeit) und 54 Prozent (Exponentialmodell) weniger Getötete, in der Mitte 44 — so wie die Bewertung von Tempo 130 die Mitte ihrer Modelle ansetzt, 28 Prozent aus 20 und 35 [5]. Die kausale Auswertung von 2025 auf rund dem halben Autobahnnetz findet für Strecken mit Tempo 120 gemessene 35 Prozent weniger tödliche und 26 Prozent weniger schwere Unfälle und liegt damit am unteren Rand der Modelle [17][38]. Angesetzt ist die Mitte aus Modellmitte und direkter Schätzung, 40 Prozent: zentral rund 80 vermiedene Todesfälle pro Jahr (Spanne: 55 bis 110), dazu etwa 900 vermiedene Schwerverletzte (Spanne: 450 bis 1.250) — die Hochrechnung der Studie selbst nennt 904 — und rund 2.800 Leichtverletzte [4][17][38]. Zum Vergleich: Für Tempo 130 setzt die Bewertung 56 Todesfälle und 690 Schwerverletzte an — die zehn km/h weniger bringen gut 40 Prozent mehr, weil sie nicht nur die Spitze, sondern die ganze Verteilung verschieben. Gezählt ist nicht nur das Opfer: Für jeden Todesfall und jede schwere Verletzung ist ein Zehntel zusätzlich für das Leid von Familie und Freunden angesetzt — so führt das EU-Handbuch der externen Verkehrskosten die Humankosten zweikomponentig [36], und so setzen Bewertungen im Gesundheitswesen den Verlust der Familie mit rund 9 Prozent an [37]. In Lebensjahren: 5.900 für die Opfer, 550 für die Angehörigen. Der Impact ist substanziell, aber begrenzt: Es geht um Leben und Gesundheit, und die Zahl liegt gut 40 Prozent über der von Tempo 130.
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| Vermiedene Todesfälle 40 % weniger Getötete auf freien Strecken — Mitte aus Modellmitte (44 %) und kausaler Schätzung (35 %), Spanne 55–110 [4][17][38] | 80 × 35 Jahre | 2.800 Lebensjahre | |
| + | Vermiedene Schwerverletzte Spanne 450–1.250; Metz-Peeters: 904 [38] | 900 × 3 Jahre | 2.700 Lebensjahre |
| + | Vermiedene Leichtverletzte | 2.800 × 0,15 Jahre | 420 Lebensjahre |
| + | Leid der Angehörigen nur bei Toten und Schwerverletzten [36][37] | (2.800 + 2.700) × 10 % | 550 Lebensjahre |
| = | Gewonnene Lebensjahre im Jahr | 6.470 Lebensjahre | |
| × | Lebensjahr-Anker | × 40.000 € je Jahr | 259 Mio € |
| ÷ | Normalised Impact Maßstab dieser Seite | 100 Mio € je Punkt | 2,59 |
Plausibilität
Die Beleglage ist die beste der drei Tempo-Varianten. Das Feldexperiment der Bundesanstalt für Straßenwesen von 1975/76 — mit wechselseitig limitierten Untersuchungs- und Vergleichsstrecken, also einer echten Kontrollbedingung — fand 20 Prozent weniger Getötete und Schwerverletzte unter Tempolimit 130 [5]. Für Tempo 120 kommt ein direkter Beleg hinzu: Die Auswertung von 2025 mit kausalen Verfahren des maschinellen Lernens vergleicht 500-Meter-Segmente mit und ohne 120er-Limit auf rund der Hälfte des Netzes und schätzt genau die Größe, die hier gebraucht wird — 35 Prozent weniger tödliche, 26 Prozent weniger schwere Unfälle [17][38]. Dazu kommen die natürlichen Experimente aus den USA und Brandenburg und Meta-Analysen über 98 Studien [5]. Der Gegenmechanismus der Risikokompensation — dass sicherere Bedingungen zu unaufmerksamerem Fahren verführen — ist in den Präzedenzfällen geprüft und ohne bilanzdrehenden Effekt geblieben [5]. Was bleibt, ist die Übertragung: Die 120er-Segmente der Studie sind nicht zufällig limitiert, und die Autorin nennt ihre Schätzung eine Obergrenze, die vor allem auf stärker belasteten Strecken trägt [17]; dass sie unter der Modellmitte liegt, ist deshalb kein Widerspruch — die Spanne von 55 bis 110 Todesfällen fasst beides. Die Zurechnung steht damit auf zwei Beinen: einem Experiment für die Richtung und einer kausalen Schätzung für die Größe bei genau diesem Limit; die eine Störgröße ist geprüft, und eine Umkehrkausalität gibt es nicht, weil die Strecken zugewiesen und nicht gewählt wurden. Die Plausibilität ist sehr hoch: Dass das Limit Leben rettet, ist experimentell belegt, und wie viele, ist für 120 direkt geschätzt — genauer als für 130 oder 140.
Kontrafaktum: die wechselseitig unlimitierten Vergleichsstrecken des BASt-Feldversuchs 1975/76 [5] und die unlimitierten 500-Meter-Segmente der kausalen Auswertung von 2025 [17]. Design: experimentell für die Richtung; für die Größe bei 120 eine kausale Schätzung mit Vergleichssegmenten auf dem halben Netz [17][38]. Störgröße: Risikokompensation — in den Präzedenzfällen geprüft, ohne Effekt, der die Bilanz dreht; dazu die nicht zufällige Auswahl der heutigen 120er-Segmente, in der Spanne. Richtung: keine Umkehrkausalität, die Strecken wurden zugewiesen und nicht gewählt.