Weniger Verkehrstote und Schwerverletzte
Ein Tempolimit 130 würde nach Experimental- und Modellevidenz jährlich grob 30 bis 90 Menschenleben auf Autobahnen retten, zentral angesetzt sind 56, dazu rund 690 vermiedene Schwerverletzte. Die Richtung des Effekts gehört zum Bestgesicherten der Verkehrsforschung; unsicher bleibt seine genaue Größe.
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Wert
Auf dem Spiel stehen Menschenleben und schwere, oft lebensverändernde Verletzungen — Querschnittslähmungen, Schädel-Hirn-Traumata, Monate in Reha. Betroffen ist jeder, der Autobahnen nutzt, auch wer selbst nie schneller als 130 fährt: Bei fast der Hälfte der Getöteten auf Autobahnen war zu schnelles Fahren mindestens eines Beteiligten im Spiel [4]. Anders als beim Zeitverlust ist der Schaden hier nicht teilbar und nicht kompensierbar; die Gesellschaft gewichtet vermiedene Todesfälle deshalb höher als jede Komfortgröße. Der Effekt trifft zudem keine abgrenzbare Randgruppe, sondern verteilt sich als gesenktes Risiko über Millionen Autobahnnutzer. Der Wert ist sehr hoch: Es geht um Leben und Gesundheit, die höchste Kategorie, die eine Abwägung kennt.
Impact
2024 starben 284 Menschen auf deutschen Autobahnen, 2025 waren es 292 [4][18]. Rund 72 Prozent der Todesfälle ereignen sich auf Strecken ohne Tempolimit — 2019 waren es 266 von 356 [5]; je gefahrenem Kilometer verzeichnen freie Abschnitte etwa 75 Prozent mehr tödliche Unfälle als limitierte (1,67 gegenüber 0,95 je Milliarde Kilometer) [11]. Ohne die Maßnahme setzt sich der langsame Rückgang der Opferzahlen fort. Mit einem generellen Limit sänke die Durchschnittsgeschwindigkeit auf den bisher freien Strecken um 5 bis 10 km/h, vor allem aber würden die schnellsten Fahrten gekappt und die Geschwindigkeitsunterschiede kleiner [5]. Die beiden Standardmodelle der Verkehrsforschung übersetzen das in 15 bis 47 Prozent weniger Getötete auf diesen Strecken [5]. Auf heutige Zahlen und die fallende Trajektorie angewandt sind das zentral rund 56 vermiedene Todesfälle pro Jahr (Spanne: 29 bis 90), dazu etwa 690 vermiedene Schwerverletzte (Spanne: 320 bis 1.090) und rund 1.800 vermiedene Leichtverletzte [4][5]. Eine Auswertung von 2025 mit kausalen Methoden auf rund dem halben Autobahnnetz kommt für Tempo 120 auf 58 vermiedene Todesfälle pro Jahr und stützt damit diese Größenordnung [17]. Gezählt ist nicht nur das Opfer: Für jeden Todesfall und jede schwere Verletzung ist ein Zehntel zusätzlich für das Leid von Familie und Freunden angesetzt — so führt das EU-Handbuch der externen Verkehrskosten die Humankosten eines Unfalls zweikomponentig [36], und so setzen Bewertungen im Gesundheitswesen den Verlust der Familie mit rund 9 Prozent an [37]. In Lebensjahren: 4.300 für die Opfer, gut 400 für die Angehörigen. Der Impact ist substanziell, aber begrenzt: Es geht um Leben und Gesundheit, doch die betroffene Zahl bleibt zweistellig bis niedrig dreistellig pro Jahr.
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| Vermiedene Todesfälle 15–47 % weniger Getötete auf freien Strecken, Spanne 29–90 [4][5][17] | 56 × 35 Jahre | 1.960 Lebensjahre | |
| + | Vermiedene Schwerverletzte Spanne 320–1.090 | 690 × 3 Jahre | 2.070 Lebensjahre |
| + | Vermiedene Leichtverletzte | 1.800 × 0,15 Jahre | 270 Lebensjahre |
| + | Leid der Angehörigen nur bei Toten und Schwerverletzten [36][37] | (1.960 + 2.070) × 10 % | 403 Lebensjahre |
| = | Gewonnene Lebensjahre im Jahr | 4.703 Lebensjahre | |
| × | Lebensjahr-Anker | × 40.000 € je Jahr | 188 Mio € |
| ÷ | Normalised Impact Maßstab dieser Seite | 100 Mio € je Punkt | 1,88 |
Plausibilität
Die Beleglage ist ungewöhnlich vielschichtig, und sie reicht bis auf die oberste Sprosse der Zurechnung. Ein Feldexperiment der Bundesanstalt für Straßenwesen von 1975/76 — mit wechselseitig limitierten Untersuchungs- und Vergleichsstrecken, also einer echten Kontrollbedingung — fand 20 Prozent weniger Getötete und Schwerverletzte unter Tempolimit 130 [5]. Eine Auswertung von 2025 mit kausalen Verfahren des maschinellen Lernens auf 500-Meter-Segmenten großer Teile des Netzes kommt für Tempo 120 auf 35 Prozent weniger tödliche Unfälle und liegt damit auf derselben Linie [17]. Dazu kommen natürliche Experimente aus anderen Rechtsräumen: In den USA stiegen die tödlichen Unfälle um 34 bis 60 Prozent, als Bundesstaaten ihre Limits von 55 auf 65 Meilen pro Stunde anhoben; in Brandenburg sank die Unfallkostenrate nach Einführung eines Limits um 26,5 Prozent [5]. Meta-Analysen über 98 Studien bestätigen den Zusammenhang zwischen Geschwindigkeit und Unfallschwere als außergewöhnlich stabil, auch in Daten nach 2000 [5]. Der Gegenmechanismus der Risikokompensation — dass sicherere Bedingungen zu unaufmerksamerem Fahren verführen — wurde geprüft; die Präzedenzfälle zeigen keinen Effekt, der die Bilanz dreht [5]. Was streut, ist die Größe, nicht die Richtung: Die Spanne von 15 bis 47 Prozent bildet das Alter des deutschen Experiments und die veränderte Fahrzeugflotte ab und steht in der Menge, nicht im Zurechnungszweifel. Die Zurechnung ist damit keine bloße Ko-Bewegung: Gemessen wurde gegen unlimitierte Vergleichsstrecken, die Strecken wurden zugewiesen und nicht gewählt, und die eine Störgröße, die den Zusammenhang auch ohne Wirkung erzeugen könnte — Risikokompensation —, ist in den Präzedenzfällen geprüft und ohne bilanzdrehenden Effekt geblieben [5]. Die Plausibilität ist sehr hoch: Dass das Limit Leben rettet, ist experimentell, quasi-experimentell und mechanistisch unabhängig belegt — wie viele genau, streut um den Faktor drei.
Kontrafaktum: die wechselseitig unlimitierten Vergleichsstrecken des BASt-Feldversuchs 1975/76 [5]. Design: experimentell — geplante Limitierung mit echter Kontrollbedingung, gestützt durch eine Auswertung von 2025 mit kausalen Verfahren auf 500-Meter-Segmenten [17] und die US-Anhebungen von 55 auf 65 Meilen [5]. Störgröße: Risikokompensation — dass sicherere Bedingungen unaufmerksamer fahren lassen; in den Präzedenzfällen geprüft, ohne Effekt, der die Bilanz dreht. Richtung: keine Umkehrkausalität, die Strecken wurden zugewiesen und nicht gewählt.