Methodik · Hintergrund
Das Münchhausen-Trilemma in der Politikbewertung
Wer eine Maßnahme bewertet, muss Folgen gegeneinander wiegen: Lebensjahre gegen Reisezeit, Tonnen CO₂ gegen Euro, Freiheit gegen Sicherheit. Für dieses Wiegen gibt es keinen letzten Beweis. Jede Begründung endet irgendwo, und wo sie endet, steht eine Setzung. Das ist keine Schwäche einer bestimmten Methode, sondern eine Eigenschaft jeder Begründung. Die Frage ist nur, ob die Setzung sichtbar ist.
Drei Enden jeder Begründung
Der Philosoph Hans Albert hat 1968 im „Traktat über kritische Vernunft“ beschrieben, was passiert, wenn eine Begründung bis zum Grund verfolgt wird. Jede Aussage braucht eine Begründung, und die Begründung ist selbst eine Aussage. Daraus folgen genau drei Möglichkeiten:
- Der unendliche Regress. Jede Begründung wird wieder begründet, ohne Ende. Die Kette bricht nie ab und trägt deshalb nichts.
- Der Zirkel. Die Kette kehrt zu einer Aussage zurück, die schon begründet werden sollte. Die Begründung stützt sich auf sich selbst.
- Der Abbruch. Die Kette endet bei einer Aussage, die nicht weiter begründet wird. Sie wird gesetzt.
Die Figur im Namen ist der Lügenbaron, der sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf zieht: Eine Begründung kann sich nicht selbst aus dem Nichts heben. Die antike Form stammt von Agrippa, überliefert bei Sextus Empiricus; von seinen fünf Tropen bilden Regress, Zirkel und Annahme das Trilemma. Alle drei Wege haben etwas gemeinsam: Keiner liefert einen letzten Beweis. In der Praxis bleibt der dritte, der Abbruch. Entscheidend ist, wo abgebrochen wird und ob es jemand sieht.
Der Abbruch in jeder Bewertung
Ein Tempolimit auf Autobahnen spart nach den vorliegenden Studien Lebensjahre und Tonnen CO₂ und kostet Millionen Stunden Reisezeit. Ob die Maßnahme unter dem Strich besser ist, hängt daran, wie ein Lebensjahr gegen eine Stunde zählt. Keine Studie kann diese Frage beantworten; sie kann Lebensjahre und Stunden zählen, aber nicht wiegen. An dieser Stelle bricht jede Bewertung ab und setzt ein Verhältnis.
Das gilt für jede Form der Bewertung. Ein Leitartikel, der eine Maßnahme empfiehlt, setzt das Verhältnis im Ton. Ein Gutachten mit Kosten-Nutzen-Rechnung setzt es in einer Zahl, etwa dem Wert eines statistischen Lebens, die in einer Fußnote steht. Eine Parteiposition setzt es im Programm. Ein Bauchgefühl setzt es, ohne es zu wissen. Der Unterschied zwischen diesen Formen liegt nicht darin, ob gesetzt wird, sondern wie sichtbar die Setzung ist und ob sie beim nächsten Thema dieselbe bleibt.
Die unsichtbare Setzung hat eine Eigenschaft, die sie gefährlich macht: Sie kann wandern. Wer das Verhältnis von Lebensjahr zu Stunde nie ausspricht, kann es beim Tempolimit anders ansetzen als bei der Krankenhausreform, und niemand bemerkt es, oft nicht einmal die Person selbst. Das gewünschte Ergebnis sucht sich dann seinen Maßstab.
Wer die Bewerter bewertet
Der naheliegende Einwand gegen jede Bewertungsinstanz lautet, sie brauche selbst eine Kontrolle. Das Trilemma zeigt, warum dieser Einwand nicht zum Ziel führt: Die Kontrollinstanz müsste mit eigenen Werten wiegen, bräuchte also ihrerseits eine Kontrolle, und so fort. Das ist der Regress. Ein Rat der Weisen, ein Ethikrat, ein Expertengremium verschieben den Abbruch um eine Stufe, sie heben ihn nicht auf.
Es gibt eine andere Antwort. Statt die Setzung an eine höhere Instanz zu geben, wird sie an alle gegeben: Sie wird veröffentlicht, mit Zahl und Begründung, und sie gilt für jede Bewertung gleich. Dann kann jede Leserin und jeder Leser die Setzung prüfen, ablehnen, durch die eigene ersetzen und sehen, was sich dadurch ändert. Der Abbruch bleibt, aber er ist kein Geheimnis mehr. Das Urteil fällt am Ende die Person, die liest, nicht die Redaktion.
Die Setzung veröffentlichen
Argupedia zieht daraus drei Regeln. Erstens: Jede Setzung steht in der Baseline, mit Herleitung, Spanne und Änderungshistorie. Ein Lebensjahr zählt dort 40.000 Euro-Äquivalent, eine Stunde Lebenszeit 6,85, eine Tonne CO₂ 100. Zweitens: Jedes Argument nennt im Werte-Katalog, welchen Wert es bepreist, und die Werte tragen ein Gewicht aus einem festen Register. Drittens: Dieselben Zahlen gelten für jede Debatte. Der Maßstab wandert nicht; ändert er sich, dann zentral, datiert und für den gesamten Bestand.
Die Setzungen sind damit nicht wahr geworden. Sie sind prüfbar geworden. Wer das Lebensjahr höher wiegt oder die Stunde niedriger, rechnet im Werte-Shift nach und sieht, welche Urteile dabei kippen und welche bestehen bleiben. Wer eine Zahl für falsch hält, kann sagen, welche. Und wer den gesamten Bestand prüfen will, lädt ihn unter Daten herunter.
Das Wort für dieses Vorgehen ist nicht Objektivität. Objektiv wäre eine Bewertung ohne Setzung, und die gibt es nicht. Das Wort ist Konsistenz: derselbe veröffentlichte Maßstab für jede Debatte, von jedem nachrechenbar. Mehr lässt das Trilemma nicht zu, und weniger ist Täuschung.
Vertiefung
- Wie wir bewerten: das Verfahren Schritt für Schritt, mit Änderungsprotokoll und Fragen zum Verfahren.
- Baseline: die Konversionsanker, mit denen Lebensjahre, Tonnen, Stunden und Euro auf eine Skala kommen.
- Argupedia, Faktencheck und Wahl-O-Mat: welche Frage jedes Werkzeug beantwortet.
- Whitepaper: der Global Debate Evaluation Standard im Ganzen.