Methodik · Einordnung
Argupedia, Faktencheck und Wahl-O-Mat
Drei Werkzeuge für politische Orientierung, drei verschiedene Fragen. Ein Faktencheck prüft, ob eine Behauptung stimmt. Der Wahl-O-Mat zeigt, welche Partei eine Position teilt. Argupedia bewertet, welche Folgen eine Maßnahme hat und wie sie gegeneinander wiegen. Keines ersetzt die anderen; die Grenzen des einen sind der Anfang des nächsten.
Ob eine Behauptung stimmt
Redaktionen wie Correctiv, der dpa-Faktencheck oder der ARD-Faktenfinder prüfen einzelne Aussagen aus Reden, Beiträgen und Programmen gegen Belege und stufen sie ein: wahr, falsch, irreführend, unbelegt. Das Verfahren ist schnell, nachvollziehbar und wirksam gegen erfundene Zahlen und verdrehte Zitate.
Seine Grenze liegt in der Art der Frage. Ein Faktencheck prüft Tatsachen, und politische Debatten bestehen überwiegend aus Prognosen: Ein Tempolimit wird Unfälle vermeiden, eine Mietpreisbremse wird den Neubau bremsen. Ob eine Prognose eintritt, lässt sich heute nicht prüfen, nur wie gut sie belegt ist. Und eine wahre Behauptung sagt noch nichts über ihr Gewicht: Dass ein Tempolimit Reisezeit kostet, stimmt; wie schwer das gegen die vermiedenen Unfälle wiegt, ist keine Tatsachenfrage.
Argupedia setzt dort an, wo der Faktencheck endet. Die Plausibilität eines Arguments wird nach festen Evidenzregeln bewertet: Welche Belegart trägt es, wie sauber ist die Ursache identifiziert, und welchen Deckel setzt das. Ein Faktencheck ist dabei eine Quelle unter anderen.
Welche Partei eine Position teilt
Der Wahl-O-Mat der Bundeszentrale für politische Bildung, seit 2002 vor jeder Bundestagswahl und vor den meisten Landtagswahlen, legt 38 Thesen vor. Die Parteien beantworten sie selbst mit Zustimmung, Ablehnung oder neutral; wer den Wahl-O-Mat nutzt, antwortet ebenso und erhält die Übereinstimmung je Partei in Prozent. Das Werkzeug ist verbreitet, transparent in seinem Verfahren und macht Positionen vergleichbar, die sonst in Programmen von hundert Seiten verstreut liegen.
Es beantwortet eine Frage über Positionen, nicht über Folgen. Ob die Zustimmung zu einer These eine gute Entscheidung ist, bleibt offen: Der Wahl-O-Mat misst Nähe, nicht Wirkung. Zwei Personen mit derselben Position zum Tempolimit können über seine Folgen völlig verschieden denken, und eine Partei kann einer These zustimmen, deren Umsetzung ihren eigenen Zielen schadet.
Argupedia bewertet keine Parteien, sondern Vorschläge. Wo ein Vorschlag aus einem Wahlprogramm stammt, steht die Partei als Urheber dabei, und die Wahlseiten zeigen je Partei die Bilanz ihrer bewerteten Vorschläge, abgeleitet aus den Einzelbewertungen, nie als Gesamtnote. Die Frage „Wer steht mir nahe“ bleibt beim Wahl-O-Mat; die Frage „Was bewirkt der Vorschlag, dem ich nahestehe“ beginnt hier.
Drei Werkzeuge nebeneinander
| Faktencheck | Wahl-O-Mat | Argupedia | |
|---|---|---|---|
| Die Frage | Stimmt diese Behauptung? | Welche Partei teilt diese Position? | Welche Folgen hat diese Maßnahme, und wie wiegen sie gegeneinander? |
| Der Gegenstand | Eine einzelne Tatsachenbehauptung, meist über die Gegenwart oder Vergangenheit | Eine These und die Antworten der Parteien darauf | Ein konkreter Vorschlag mit seinen Pro- und Contra-Argumenten über den Zeitraum seiner Wirkung |
| Das Ergebnis | Wahr, falsch, irreführend oder unbelegt | Übereinstimmung in Prozent je Partei | Wahrscheinlichkeit, dass die Maßnahme vorn liegt, Größe des Effekts, Anteil positiver Wirkung |
| Die Werte | Keine nötig: geprüft wird eine Tatsache | Die eigenen, über die Antworten auf die Thesen | Veröffentlicht in Baseline und Werte-Katalog, für jede Debatte gleich, austauschbar im Werte-Shift |
| Die Quelle der Position | Belege, die die Redaktion zusammenträgt | Die Parteien selbst beantworten die Thesen | Studien, Statistiken und Präzedenzfälle, je Argument mit Quelle und Rechenweg |
| Die Aktualisierung | Mit neuen Belegen, meist als neuer Artikel | Je Wahl neu erstellt | Laufend, mit Versionen und Prüfprotokoll je Maßnahme |
Wie Folgen gegeneinander wiegen
Jede Maßnahme auf Argupedia trägt ihre Pro- und Contra-Argumente, und jedes Argument bekommt ein Gewicht aus drei Faktoren: welcher Wert betroffen ist, wie groß die Wirkung ausfällt und wie plausibel sie belegt ist. Die drei Faktoren stehen mit Begründung, Quellen und Rechenweg an jedem Argument. Die Bilanz zählt die Gewichte beider Seiten zusammen und sagt, wie wahrscheinlich die Maßnahme vorn liegt.
Das Wiegen braucht Werte, und hier liegt der Unterschied zu jeder stillen Abwägung: Die Werte sind veröffentlicht. Die Baseline nennt, mit welchem Faktor Lebensjahre, Tonnen, Stunden und Euro auf eine Skala kommen; der Werte-Katalog nennt, welche Dimension ein Argument bepreist und mit welchem Gewicht. Beides gilt für jede Debatte gleich. Wer anders wiegt, rechnet im Werte-Shift nach. Warum jede Bewertung eine solche Setzung braucht, erklärt die Seite zum Münchhausen-Trilemma.
Auch dieses Werkzeug hat Grenzen, und sie stehen auf jeder Seite. Die Erstbewertung erstellt eine KI nach dem Verfahren; jede Seite nennt, welches Modell zuletzt geprüft hat und ob ein Mensch gegengelesen hat. Die Setzungen in der Baseline sind begründet, nicht bewiesen. Und die Bilanz ist eine Wahrscheinlichkeit, kein Urteil über die Position, die jemand zur Maßnahme hat. Argupedia ist kein Faktencheck und keine Wahlempfehlung. Es ist der Schritt dazwischen: die Folgen eines Vorschlags, offen gewogen, mit einem Maßstab, den jede Leserin und jeder Leser prüfen kann.
Vertiefung
- Wie wir bewerten: das Verfahren Schritt für Schritt, mit Änderungsprotokoll und Fragen zum Verfahren.
- Baseline: die Konversionsanker, mit denen Folgen auf eine Skala kommen.
- Das Münchhausen-Trilemma: warum jede Bewertung bei einer Setzung endet.
- Daten: der gesamte Bestand zum Download, für Forschung und private Zwecke.